Jens-Robert Schulz; pixelio.de
Schwindendes Bildungsbürgertum als Chance für Abkehr von kunstreligiöser Ideologie
Von Max Fuchs
Deutschlands Weg in die kulturelle, soziale und politische Moderne hatte einige Stolpersteine. Während es im Bereich der ökonomischen Modernisierung gelang, sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchaus forciert durch die erheblichen Reparationszahlungen Frankreichs nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/1872 – einen Platz unter den führenden Nationen weltweit zu erkämpfen (»Gründerzeit«), blieb in den Feldern des Kulturellen, des Sozialen und vor allem des Politischen die Modernisierung erheblich zurück: Das politisch chronisch erfolglose Bürgertum hatte bei keiner der Revolutionen und Reformen einen anderen westlichen Nationen vergleichbaren Platz an der Macht erobern können. Das Wilhelminische Kaiserreich bietet daher eine eigenartige Mischung von fortschrittlicher Wissenschaft und einem Bürgertum, dessen höchste Auszeichnung die Verleihung eines Adelstitels war. Der konservative Historiker Thomas Nipperdey versuchte zwar, dem Eindruck einer auf der ganzen Linie rückständigen Gesellschaft entgegenzuwirken, indem er darauf hinwies, sie sei eine dynamische Leistungsgesellschaft, geprägt von kultureller Liberalität, regional ausdifferenziert, politisch-kritisch mit einer Vielzahl von Reformbewegungen (Nachdenken, 1991, S. 212 ff.). Doch verwenden kulturgeschichtliche Darstellungen (zum Beispiel Glaser: Kultur, 1984, S. 7 ff.) andere Kategorien: Verwirrung aufgrund von Sinnverlust; Verängstigung angesichts des Verlustes religiöser Gewissheit; Verlust der Geborgenheit angesichts des Fortschritts. Verlusterfahrung scheint eine zutreffende Signatur des Zeitalters zu sein. weiterlesen





