Virtueller Raum für Kultur

Rosel Eckstein / pixelio.de

Gabriele Schulz im Gespräch mit Richard C. Schneider

Herr Schneider, wie entstand eigentlich die Idee des Blogs „Zwischen Mittelmeer und Jordan“?

Richard C. Schneider: Ich hatte diese Idee eigentlich schon zum Zeitpunkt, bevor ich Studioleiter in Tel Aviv wurde. Da ich selbst ein intensiver User des Internets bin, habe ich schon sehr frühzeitig überlegt, dass meine Arbeit in Israel auch im Internet präsent sein müsste. Bereits in der Vorbereitungsphase habe ich mit dem Kollegen von tagesschau.de ein Gespräch geführt, ob Interesse an einem solchen Blog besteht. Dort stieß meine Idee direkt auf offene Ohren. Während ich noch um Gelder, Budget oder Genehmigungen kämpfte, hat Annette Dittert, die Studioleiterin in London wurde, mit ihren Video-Blogs angefangen. Sie war also die Erste. Ich hatte dann die Möglichkeit zu sagen, was der NDR kann, müssen wir als Bayerischer Rundfunk auch können. Das wurde dann auch so gesehen und vier, fünf Wochen später stand das Blog „Zwischen Mittelmeer und Jordan“.

Wie wählen Sie die Themen für das Videoblog aus?

Richard C. Schneider: Ganz unterschiedlich. Teilweise sind es Themen, die im linearen Fernsehen nicht vorkommen, weil andere aktuellere Themen vorrangig sind wie z.B. der Atomunfall in Fukushima im letzten Jahr oder die arabische Revolution. In solchen Zeiten gibt es praktisch keine Sendezeiten in Tagesschau oder Tagesthemen. Vieles, was sich in der Zeit in Israel getan hat, habe ich übers Netz abgedeckt. Zum anderen mache ich nach wie vor lange Filme. Daraus lassen sich teilweise Blogs basteln, das Material ist vorhanden und wird in knapper Form noch einmal neu verwendet.

Und Ihr Beitrag über Popmusik in der Westbank …

Richard C. Schneider: Das war ein „echtes“ Blog. Wir waren sowieso in Nablus, weil wir einen Film drehten, das Team war da, kostete also nichts extra. Wir sind dann am Nachmittag losgezogen, haben uns treiben lassen und dann diese Geschichte über palästinensische Popmusik gemacht. Ein Kompromiss ist, wenn ein Thema, das ich für Tagesschau, Tagesthemen oder Weltspiegel im klassischen Stil gedreht und aus Kosten- oder einfach aus Zeitgründen das Ganze nicht noch einmal bloggisch drehen kann. Dann mache ich beides gleichzeitig mit unterschiedlichen Aufsagern. Die dritte Version ist, dass ich in meinem Schneideraum sitze und im Grunde genommen nur auf Bildmaterial zurückgreife, das ich im Archiv habe.

Beispielsweise die Landkarten als Sie die Grenzverläufe zwischen Israel und dem Jordanland gezeigt haben.

Richard C. Schneider: Die Landkarten oder aber das Blog mit Eljakim Ha‘etzni, der auf juristischem Weg erklärt, warum das Westjordanland kein besetztes Land sei. Ich habe ihn vor zwei Jahren für einen Film über die Geschichte der Siedlerbewegung interviewt. Von diesem langen Interview habe ich im Film nur einen Teil verwenden können. Jetzt habe ich das Material genutzt, um daraus das Blog zu machen. Das ist das Tolle im Internet, es bietet die Chance vorhandenes Archivmaterial auf eine neue Weise zu nutzen.

Bietet das Blog auch die Chance, Kulturthemen aufzugreifen, die bei Tagesschau oder Tagesthemen kaum Berücksichtigung finden?

Richard C. Schneider: Ja, das möchte ich gerne. Ich habe neulich mal eine Geschichte gemacht über das Taubstummentheater in Tel Aviv. Gerne würde ich noch mehr über kulturelle Themen berichten. Es gibt allerdings zwei Probleme. Das erste Problem ist ein sprachliches. Wenn ich beispielsweise ein Interview mit Zeruya Shalev, deren neuer Roman gerade herausgekommen ist, führe, reden wir Hebräisch oder Englisch, und dann kommt zusätzlich das Voice-over hinzu. Dann stellt sich für mich die Frage, was tatsächlich von einem Künstler, von seiner Arbeit vorgestellt werden kann. Ganz schwierig wird es beim Theater respektive beim Kino. Es ist einfach wahnsinnig schwer, ein Theaterstück, das hier Furore macht, in einem Ausschnitt einem deutschen Publikum verständlich zu machen, und zwar nicht nur wegen der sprachlichen Problematik, sondern weil es dann oft Themen sind, die erläutert werden müssen. Beim Kino entsteht zusätzlich ein Rechteproblem, weil Ausschnitte gezeigt werden müssen und das ist mit dem Internet eine ganz vertrackte Sache.

Klar, weil das länger bereitge- stellt wird und dann keine aktuelle Berichterstattung mehr ist.

Richard C. Schneider: Genau. Überhaupt stoße ich im Moment bei der Arbeit im Netz noch an Grenzen. Ich bin mir aber sicher, dass sich das mit den Jahren verändern wird, weil die Notwendigkeit, im Netz zu arbeiten, einfach wachsen wird. Genauso habe ich ein Jahr daraufhingearbeitet, ein tägliches Blog zu machen. Jetzt habe ich es geschafft und darüber freue mich sehr.

Das tägliche Blog gestalten Sie zusammen mit ihren Hörfunkkollegen. Prallen da verschiedene Herangehensweisen aufeinander?

Richard C. Schneider: Natürlich gibt es Unterschiede. Hörfunkjournalisten kommen nicht vom Bild. Dafür sind ihre Arbeiten druckreif, weshalb sie bei tageschau.de auch oft veröffentlicht werden. Das Fernsehen lebt im Gegensatz dazu vom Bild.

Ist das Internet die nächste Herausforderung, weil Text, Bild und Ton zusammenkommen?

Richard C. Schneider: Mit Sicherheit. Das Internet verlangt geradezu nach einer persönlichen Handschrift. Es gibt wahnsinnig viel im Internet zu jedem Thema, sodass die persönliche Handschrift die Orientierung liefert. Ich mag diese Form des Arbeitens, weil es mir auch leicht fällt, über ein Thema zu sprechen und dabei gedreht zu werden.

Das ist natürlich eine ganz andere Herangehensweise als bei der Tagesschau, wo es doch eher um die neutralere Berichterstattung geht. Bietet das Blog hier zusätzliche Chancen?

Richard C. Schneider: In jedem Fall. Im Blog halte ich mich mit einer persönlichen Meinung weniger zurück als bei den normalen Berichterstattungen, aber trotzdem mehr, als ich manchmal möchte. Aber ich denke, es ist eine Frage der Entwicklung. Wir ARD-Journalisten sollen Neutralität bewahren. Vielleicht bietet das Blog in der Zukunft die Chance, stärker persönliche Kommentare oder eigene Erfahrung mit einer Situation zu erzählen. Das muss man sehen.

In der Vorbereitung auf das Interview habe ich festgestellt, dass ein Teil der Blogs auf tagesschau.de nicht mehr abrufbar ist. Sind sie dem Depublizieren, zu dem tagesschau.de verpflichtet ist, zum Opfer gefallen?

Richard C. Schneider: Ja leider. Nach einem Jahr müssen die einzelnen Blogbeiträge gelöscht werden. Ich hatte das selbst nicht gewusst und gedacht, dass Blogs länger zugänglich sind.

Richard C. Schneider ist Leiter des Studio Tel Aviv der ARD. Gabriele Schulz ist Stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Kulturrates

REDAKTION Andrea Wenger | Hinterlasse einen Kommentar

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