Nachgefragt: Tanzfonds Erbe

© Simone Scardovelli

Der Tanzfonds Erbe fördert künstlerische Projekte zum Kulturerbe Tanz und zeigt, dass das Engagement der Kulturstiftung des Bundes auch nach Tanzplan Deutschland weitergeht. Madeline Ritter, die ehemalige Leiterin von Tanzplan Deutschland berichtet im Kurzinterview der Woche über das neue Projekt Tanzfonds Erbe.

kulturstimmen.de: Warum ist die Pflege des Kulturerbes Tanz in Deutschland durch einen Tanzfonds Erbe wichtig und wie sieht das Kulturerbe Tanz genau aus, das es zu wahren gilt?

Madeline Ritter: Der zeitgenössische Tanz in Deutschland ist eine Kunstsparte, deren Geschichte von begrenzter öffentlicher Sichtbarkeit ist ― ungeachtet der Tatsache, dass der Weltruf von Künstlerpersönlichkeiten wie Mary Wigman, Dore Hoyer, Tatjana Gsovsky, Rudolf von Laban, William Forsythe oder Pina Bausch, um nur einige wenige zu nennen, seinen Ausgang in Deutschland nahm. In Gesprächen mit Tanzensembles an deutschen Bühnen und mit freien Tanzcompagnien wurde deutlich,  dass die Pflege des Kulturerbes zwar gewünscht ist, aber die bestehenden Kapazitäten oft nicht ausreichen. Außerdem mangelt es nicht nur an finanziellen Mitteln, sondern auch an Zugang zu Choreographien und den historischen Materialien. Die Urheberrechte für historische Werke des 20. Jahrhunderts sind oft ungeklärt oder verursachen hohe Kosten. Deshalb ist es schwierig, den Tanz des 20. Jahrhunderts in all seinen Facetten ausreichend zu vermitteln. Die junge Generation von Tänzern und Choreographen hat vielfach Berührungsängste mit den historischen Werken und das Publikum in Deutschland nur selten Gelegenheit, Schlüsselwerke der modernen Tanzgeschichte erleben und in Bezug zur Gegenwart setzen zu können.

kulturstimmen.de: In welcher Form sollen sich die Projekte mit der Geschichte des zeitgenössischen Tanzes in Deutschland auseinandersetzen?

Madeline Ritter: Die Förderung bezieht sich explizit auf eine künstlerische Auseinandersetzung. Die muss nicht zwangsläufig in ein Bühnenstück münden. Die Formate können sehr unterschiedlich sein und sind abhängig vom einzelnen Projekt. Der Form der Auseinandersetzung sind dabei kaum Grenzen gesetzt. TANZFONDS fördert Aufführungen von Rekonstruktionen, Re-enactments, Installationen, Ausstellungen, Lecture Performances, Filme oder Online Projekte.

kulturstimmen.de: Wie hoch ist die Fördersumme für die Projekte und an wen richtet sich die Ausschreibung?

Madeline Ritter:Die Ausschreibung richtet sich an die Tanzcompagnien der Stadt- und Staatstheater, an freischaffende Künstler wie auch an Tanzarchive oder Tanzausbildungsinstitutionen aus Deutschland. Wir fördern Projekte mit einer Summe bis zu 100.000 €.

kulturstimmen.de: Welche Kriterien müssen die Projekte erfüllen, um gefördert zu werden und bis wann können Bewerbungsunterlagen eingereicht werden?

Madeline Ritter: Der letzte Bewerbungsschluss ist der 1. November 2012. Die Projekte sollten sich mit Werken, Persönlichkeiten, Themen oder Zeiträumen des Tanzes im 20. Jahrhundert künstlerisch auseinandersetzen. Notwendig ist immer die Recherche, das Sichten von Tanznotationen, historischen Dokumenten oder Filmaufnahmen in Archiven, das Klären von Urheberrechtsfragen, die Begegnung mit Zeitzeugen, teils auch eine wissenschaftliche Begleitung durch Historiker oder Choreologen; aus all diesen Vorarbeiten entwickeln sich die Projekte und finden ihre endgültige Form. Ein weiteres wichtiges Förderkriterium ist die Relevanz des Vorhabens für die Aufarbeitung der Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts.

kulturstimmen.de: Die aktuelle Ausschreibung ist die zweite Antragsrunde für Tanzfonds Erbe. Welche Projekte werden bisher gefördert und wie ist deren öffentliche Wahrnehmung?

Madeline Ritter: Ja, es ist die zweite und auch letzte Antragsrunde für den TANZFONDS ERBE. Viele der Projekte beginnen erst im kommenden Jahr. Im August hatte Olga de Soto Langzeitrecherche „Creation 2012“ zu Kurt Joos „Der grüne Tisch“ in München Premiere. Die Choreographin interviewte Tänzer und Zuschauer aus der ganzen Welt, und forschte so nach den Spuren des Grünen Tisches von seiner Entstehung 1932 bis heute. Entstanden ist daraus eine Film-Tanz Bühneninstallation, die das historische Material in die Gegenwart überträgt.

In der ersten TANZFONDS Förderrunde wurden ganz unterschiedliche Projekte gefördert, wie „Nußknacker“ von Antje Pfundter aus Hamburg. Sie widmet sich den Bildern, die diesem wohl populärsten Werks der westlichen Tanzgeschichte anhaften. Sie erarbeitet bis zur Premiere im Dezember mit ihrer Company eine Version des „Nussknackers“, die sich der Archetypen des Originals annimmt, seiner Musik, seinem Märchen und seinen Tänzen und diese neuinterpretiert.

Wichtig ist, dass die geförderten Projekte dauerhaft für das Publikum sichtbar bleiben. Dafür steht exemplarisch das Projekt des Theaters Bielefeld. Reinhild Hoffmann, eine der wegweisenden Choreographinnen der Tanztheaterära in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, gibt ihr Duett „Auch“ von 1980 an zwei junge Tänzerinnen weiter. Dieses Projekt verbindet ideal Rekonstruktion und Weitergabe des künstlerischen Erbes an eine junge Tänzer- und Zuschauergeneration.

Alle geförderten Projekte werden abschließend von TANZFONDS dokumentiert und sind auf der TANZFONDS Webseite öffentlich zugänglich. Darüber hinaus besteht großes Interesse, die Projektdokumentationen in Online-Datenbanken wie dem Digitalen Tanzatlas, Fachsammlungen und Hochschulbibliotheken für eine breite Öffentlichkeit, für Lehre und Forschung zugänglich zu machen. Abschließend ist zu betonen, dass die von TANZFONDS ERBE geförderten Projekte nicht den Anspruch erheben, eine lückenlose Tanzhistoriographie des 20. Jahrhunderts zu schreiben. Sie sind viel eher ein Kaleidoskop persönlicher Tanzgeschichte(n), das widerspiegelt, welche historischen Werke und Personen sich durch künstlerische Brisanz für den zeitgenössischen Tanz heute auszeichnen.

Weitere Informationen: www.tanzfonds.de

Das Interview für kulturstimmen.de führte Verena Schmidt

REDAKTION Andrea Wenger | Hinterlasse einen Kommentar

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