Nachgefragt: Kultur.Markt.Entwicklung. – Impulse aus der Kreativwirtschaft für die Internationale Zusammenarbeit

Impressionen der Eröffnung der Ausstellung "Vielfalt-Impuls für Entwicklung" zur Expo Diversité 2010, Algerien"; Fotograf: Ralf Bäcker

Am 25. und 26. September findet die Konferenz „Kultur.Markt.Entwicklung. – Impulse aus der Kreativwirtschaft für die Internationale Zusammenarbeit“ in Bonn statt, die von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Kooperation mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), der Deutschen Welle, dem Goethe-Institut und dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) realisiert wird.

 kulturstimmen.de: Worum geht es bei der zweitägigen Konferenz und an wen richtet sie sich?

Randa Kourieh-Ranarivelo: Weltweit zählt die Kultur- und Kreativwirtschaft zu einem der dynamischsten Wirtschaftszweige überhaupt. Aber wie lässt sich das Potenzial, das sich damit verbindet, für die internationale Zusammenarbeit nutzen? Die Arbeitsgruppe Kultur und Entwicklung (DAAD, Deutsche Welle, GIZ, Goethe-Institut, ifa) möchte diese Frage im Rahmen der Konferenz zur Diskussion stellen. Gleichzeitig will sie die Synergien von Entwicklungszusammenarbeit und Auswärtiger Kultur- und Bildungspolitik nutzen, um die Kraft, die in der Kultur- und Kreativwirtschaft in Partnerländern des Südens steckt, zu mobilisieren, die dort durch fehlende Rahmenbedingungen noch oft nur marginal zur Geltung kommen kann. Die Konferenz richtet sich an nationale und internationale Kulturschaffende, Bildungspraktiker/innen und Institutionen, die sich im Feld der Kultur- und Kreativwirtschaft engagieren, an Stiftungen, Nicht-Regierungsorganisationen und zivilgesellschaftliche Träger, Wissenschaftler/innen wie auch an Entscheidungsträger/innen aus Ministerien, Parlamenten, Ländern und Kommunen.

kulturstimmen.de: Das aktuelle Jahresthema der GIZ lautet „Zukunftsentwickler“. Was steckt hinter diesem Titel und wie wird das Thema umgesetzt?

Randa Kourieh-Ranarivelo: Das Jahresthema „Zukunftsentwickler“ wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gemeinsam mit der KfW Entwicklungsbank und der GIZ gestaltet. Das Jahresthema beleuchtet die Frage, wie man globalen Herausforderungen in der Entwicklungszusammenarbeit und bei übergreifenden Themen wie dem Klimawandel, die die internationale Gemeinschaft beschäftigen, mit nachhaltigen Lösungen begegnen kann. Auch die Aktivitäten der GIZ zahlen auf die Zukunft ein: wenn sie im Auftrag der Bundesregierung die pakistanische Regierung bei der Reform des Bildungssystems berät, die afghanische Exportagentur und damit die Entwicklung des Landes unterstützt, junge deutsche Stipendiaten in die USA bringt oder zusammen mit der Privatwirtschaft, z.B. auch in der Kreativwirtschaft, die Potenziale Afrikas erschließt. Immer geht es darum, die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort dauerhaft zu verbessern und ihnen so bessere Zukunftsaussichten zu geben. Gemeinsam gestalten GIZ, KfW und BMZ beispielsweise eine Veranstaltungsreihe zum Jahresthema in Deutschland. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Aktivitäten in den Programmen der internationalen Zusammenarbeit vor Ort.

kulturstimmen.de: Warum ist aus Ihrer Sicht die Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) in Zeiten der Finanzkrise weniger krisenanfällig als andere Wirtschaftsfelder?

Randa Kourieh-Ranarivelo: Die Autoren des UNCTAD „Creative Economy Report 2010“ weisen auf ein neues Wechselspiel zwischen Kreativität und wirtschaftlicher Entwicklung hin. So wuchs zwischen 2002 und 2008 der Handel mit kreativen Gütern und Dienstleistungen aus Entwicklungsländern jährlich um knapp 14 Prozent. Das war vor wenigen Jahren noch schwer vorstellbar. Entwicklungsländer exportieren nun mehr als doppelt so viele Güter und Dienstleistungen der Kreativwirtschaft als sie importieren. Die Zahlen sagen allerdings noch nicht viel über die Einzigartigkeit der kreativen Industrien aus. Kreativität ist im Prinzip unerschöpflich; sie hat keine Endlichkeit. Somit hat sie im Gegensatz zu allen anderen gängigen Sektoren und Produkten (Finanzprodukte, Agrarprodukte, globale Güter etc.) ein Attribut, das nur sie auszeichnet: Sie ist absolut nachhaltig. Die von den kreativen Industrien produzierten Kulturgüter und -produkte generieren nicht nur Arbeit und Einkommen und schaffen  Mehrwert, sie ‘verbrauchen’ in ihrem Kreativitäts- und Produktionsprozess nur minimal natürliche Ressourcen und keinerlei kreatives Kapital. Im Gegenteil, die kreativen Industrien inspirieren zu immer neuer Kreativitaet und zur Produktion von neuerlichen Kulturprodukten.

kulturstimmen.de: (Wie) Lässt sich das Potenzial der KKW in einem globalen/ internationalen Kontext für eine nachhaltige Entwicklung nutzen?

Randa Kourieh-Ranarivelo: Die GIZ nutzt bereits bestehende Programme, etwa zur Wirtschaftsentwicklung, Berufsbildung oder Mikrofinanzierung, um Partnerländer bei der Entwicklung der verschiedenen Branchen der KKW zu unterstützen. Ein Beispiel für die kreative Vernetzung im internationalen Kontext liefern Ägypten, Äthiopien und Weimar. Denn getreu des Bauhaus-Mottos „Kunst und Technik“ sind mit Unterstützung der GIZ in Addis Abeba, Cairo und Weimar sogenannte „iceHubs“ entstanden. „ice“ steht dabei für „innovation-collaboration-entrepeneurship. Diese „iceHubs“ bringen Kreativschaffende und Ingenieure zusammen, die gemeinsam interdisziplinär arbeiten. Gemeinsam wird in Projekten zum internationalen Technologietransfer und der technologischen Weiterentwicklung mit Hilfe von Kunst gearbeitet. An diesen Projekten sind Firmen und Universitäten aus allen drei Ländern beteiligt. Ein sorgfältiges Monitoring der Aktivitäten, gute Praxisbeispiele und die internationale wie interdisziplinäre Ausrichtung sichern den langfristigen Erfolg dieser „Innovation Hubs“.

kulturstimmen.de: Gibt es wirtschaftliche oder politische Rahmenbedingungen, die geschaffen werden müssen, um dieses Potenzial  zu nutzen?

Randa Kourieh-Ranarivelo: In Gesprächen mit Kreativschaffenden in unseren Partnerländern wird sehr schnell deutlich, dass es gerade, wenn es um die Rahmenbedingungen geht, noch einiges zu tun gibt. Nicht zuletzt die UNESCO-Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen (2005) geht in mehreren Artikeln explizit auf die Notwendigkeit von entsprechenden Rahmenbedingungen für den Kultursektor in den Ländern ein.  Eine Vorbildfunktion bei der Beratung  unserer Partnerländer zu Fragen der KKW besitzt die 2007 ins Leben gerufene Initiative der Bundesregierung zur Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland. Diese soll unter anderem dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit der KKW in Deutschland zu stärken, für eine bessere Vernetzung zwischen Kreativen sorgen und über Fördermöglichkeiten informieren, alles Rahmenbedingungen, die auch in unseren Partnerländern nötig sind. Ein lebendiges, kulturelles Umfeld braucht politische Rückendeckung und Förderung. Die GIZ berät ihre Partner deshalb z.B. beim Aufbau von Kulturinstitutionen, beteiligt sich an der Curriculumentwicklung von Fach- und Hochschulen und bietet rechtliche Beratung (etwa zu Urheberrechten) an. Darüber hinaus werden beispielsweise Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter in Kultureinrichtungen geschult, um eine funktionsfähige Administration sicherzustellen;  Restauratorinnen und Restauratoren ausgebildet, um den nachhaltigen Schutz baulicher Maßnahmen zu gewährleisten.

Randa Kourieh-Ranarivelo ist die stellvertretende Leiterin der GIZ-Repräsentanz Berlin und in der GIZ verantwortlich für den Themenbereich „Kultur und Entwicklung“.

REDAKTION Stefanie Ernst | Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar hinterlassen