Im Kontext unserer Zeit

Dieter Schütz / pixelio.de

In der aktuellen Ausgabe von Politik & Kultur, der Zeitung des Deutschen Kulturrates, schreibt Margot Käßmann die Luther 2017 Kolumne zum Reformationsjubiläum.

Das Reformationsjubiläum 2017 und die politische Dimension des Freiheitsbegriffes

Als Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum bin ich beauftragt, Kontakte in unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche und vor allem auch zu Kirchen außerhalb Deutschlands zu knüpfen, um dazu beizutragen, dass wir 2017 nicht ein binnenkirchliches oder rein deutsches Jubiläum feiern. Dazu dienen Vorträge, Gespräche, Predigten und schriftliche Beiträge.
Zurzeit finde ich vor allem folgende Überlegung interessant: Reformationsjubiläen waren stets von ihrem Kontext geprägt. Was zeigt sich schon heute als das Besondere am Jubiläumszeitpunkt 2017? Erste Überlegungen:

Ökumene

Es ist das erste Jubiläum nach 100 Jahren ökumenischer Bewegung. Das betrifft einerseits den römischen Katholizismus. Wir sind auf je eigene Weise »Erbin der Alten Kirche« (Luther, Wider Hans Worst 1541), es geht um eine gemeinsame Geschichte. 1999 wurde in Augsburg in der Gemeinsamen Erklärung der römisch-katholischen Kirche und des Lutherischen Weltbundes zur Rechtfertigung festgehalten: So wie die beiden Kirchen ihre Lehre heute formulieren, werden sie von den Verwerfungen des 16. Jahrhunderts nicht getroffen. Bei aller bleibenden Differenz und dem je eigenen Profil verbindet uns mehr als uns trennt. In einer säkularisierten Gesellschaft ist zudem ein gemeinsames Zeugnis der Christinnen und Christen von Bedeutung.

Es geht auch um die weltweite Ökumene, die als Bewegung seit 1910 existiert und seit 1948 mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen institutionalisiert ist, auch im Lutherischen und Reformierten Weltbund eine Stimme hat. Wie ist die Verbindung zu den Kirchen in aller Welt? Welchen spezifischen Beitrag leisten die Evangelischen? Was bedeutet das Jubiläum in Chile, in Korea, in Tansania? 2017 wird ein Reformationsjubiläum mit ökumenischer Dimension sein.

Dialog der Religionen

2017 ist das erste Gedenkjubiläum des Thesenanschlags nach dem Holocaust. Wir müssen offensiv mit dem fatalen Erbe Luthers in dieser Beziehung umgehen in einer Zeit, die sich bewusst ist, dass der Dialog der Religionen notwendig ist. Mir scheint wichtig, hier einen neuen Akzent zu setzen. Nach sechzig Jahren jüdisch-christlichem Dialog können wir sehen, dass die Kirche der Reformation dialogfähig ist. Das ist eine aktuelle Herausforderung auch mit Blick auf Muslime. Wetterte Luther wider die Türken, so leben wir heute gemeinsam in einem Land. Gleichzeitig sind Christen in aller Welt die am meisten verfolgte Religionsgemeinschaft. Wir brauchen einen Dialog und er muss theologisch gegründet sein. Zum Reformationsjubiläum 2017 muss der Dialog der Religionen sich als Anliegen des Protestantismus erweisen.

Frauen

Es ist das erste Jubiläum, bei dem die große Mehrheit der evangelischen Kirchen in aller Welt Frauen zu Pfarrerinnen ordiniert und auch als Bischöfinnen akzeptiert. Für viele Reformatoren war der Schritt zur Ehe ein Zeichen, dass auch Leben in einer Familie, mit Sexualität und Kindern von Gott gesegnetes Leben ist. Die Reformatoren wollten deutlich machen: Weltliches Leben ist nicht weniger wert als priesterliches oder klösterliches. Es geht darum, mitten im Alltag der Welt den Glauben zu leben. Theologische Grundlage der Überlegungen war die Taufe. Gott sagt dem Menschen Gnade, Liebe, Zuwendung, Lebenssinn zu. Jeder, der aus der Taufe gekrochen ist, ist Priester, Bischof, Papst. Von daher hat Luther auch den Respekt gegenüber Frauen entwickelt. Sie sind getauft und stehen damit auf gleicher Stufe. Das war ein theologischer Durchbruch und zugleich eine gesellschaftliche Revolution. Es hat allerdings noch Jahrhunderte gedauert, bis die Kirchen der Reformation begriffen haben, was Priestertum aller Getauften meint. Nämlich, dass Frauen auch de facto Pfarrerin und Bischöfin werden können. Beim Jubiläum 2017 ist deutlich: Kennzeichen der evangelischen Kirche ist, dass aus theologischer Überzeugung Frauen Pfarrerin sein können und auch Bischöfin.

Spaltung überwinden

Das Reformationsjubiläum 2017 ist das erste nach der Leuenberger Konkordie von 1973. In Europa wurde mit der Leuenberger Konkordie 1973 ein wichtiges Signal gesetzt: Trotz aller Differenzen können sich die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen gegenseitig und auch in ihren Ämtern anerkennen und miteinander Abendmahl feiern. Auch wenn diese Gemeinschaft bekenntnisverschiedener Kirchen manches Mal als »Minimalokumene« diskreditiert wurde: Es ist ein gelebtes Modell, Spaltung zu überwinden. Das Reformationsjubiläum 2017 kann die Leuenberger Konkordie als gelebtes Modell, Spaltung zu überwinden, hervorheben.

Bildung

Das Reformationsjubiläum 2017 ist das erste, das in einer Zeit gefeiert wird, in der die historisch-kritische Methode der Bibelexegese weitgehend anerkannt ist. Die Voraussetzung für einen mundigen Glauben war für Luther, dass jede und jeder selbst die Bibel lesen konnte, Grundlage dafür war eine Bildung für alle. Bildungsgerechtigkeit und Bildungsteilhabe. Er hatte dafür theologische Gründe: Glaube war für ihn gebildeter Glaube, also ein Glaube nicht aus Konvention und nicht aus spiritueller Erfahrung allein, sondern durch die Bejahung der befreienden Botschaft des Evangeliums. Heute können wir sagen, dass dieses Bibellesen auch beinhaltet, die Entstehung der biblischen Bücher wahrzunehmen. Beim Reformationsjubiläum 2017 muss deutlich sein: Den Kirchen der Reformation geht es um gebildeten Glauben und der schließt auch den historisch-kritischen Blick auf den biblischen Text ein.

Freiheit

2017 wird das erste Reformationsjubiläum sein, bei dem es in Deutschland eine klare Trennung von Kirche und Staat gibt und ein klares Bekenntnis zu Verfassung und Menschenrechten. In Luthers Freiheitsbegriff geht es zuallererst um die Glaubensfreiheit, die uns Christus schenkt. In der Konsequenz geht es auch um Freiheit des Gewissens, um Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit. Das hat auch politische Konsequenzen. Nach der Erfahrung des Versagens unserer Kirchen und auch ihrer Verführbarkeit in der Zeit des Nationalsozialismus haben wir gelernt, dass Kirche Widerstand leisten muss, wo Menschen- und Freiheitsrechte mit Füßen getreten werden. Das sind auch Erfahrungen der Kirche in der DDR. Das sind auch Erfahrungen in aller Welt: in Südafrika, in Argentinien, im Iran. Das Reformationsjubiläum 2017 muss auch die politische Dimension des reformatorischen Freiheitsbegriffs aufzeigen. Es wird darum gehen, das Jubiläum bewusst im Kontext unserer Zeit zu feiern. Das wird spannend.

Margot Käßmann ist Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017

REDAKTION Andrea Wenger | Hinterlasse einen Kommentar

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