Engagement macht stark!

© Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement

Seit acht Jahren würdigt das Bundes­netz­werk Bürger­schaft­li­ches Enga­ge­ment (BBE) mit einer bundes­weiten Akti­ons­woche, die Arbeit von mehr als 23 Millionen frei­willig Enga­gierten. Die diesjährige Woche des bürgerschaftlichen Engagements findet vom 24. September bis 03. Oktober statt. Der Kampagnenleiter Dieter Rehwinkel steht im Kurzinterview der Woche Rede und Antwort.

kulturstimmen.de: Was genau ist die Woche des bürgerschaftlichen Engagements und wie können sich interessierte Bürgerinnen und Bürger beteiligen?

Dieter Rehwinkel: Ziel der der Woche des bürgerschaftlichen Engagements – als größte Freiwilligenoffensive Deutschlands – ist es, das Engagement von rund 23 Millionen Menschen in Deutschland in seiner ganzen Bandbreite öffentlich sichtbar zu machen.
Als etablierte  Marke zur Darstellung der Vielfalt und zur Vorstellung der Möglichkeiten von Engagement ist sie ein Beitrag zur Aktivierung für und zur Mitgestaltung des demokratischen Gemeinwesens.
Wichtigstes Element der Kampagnenwoche sind die lokalen Veranstaltungen. Die Akteure vor Ort sind die eigentlichen Macherinnen und Macher, denn sie füllen den Rahmen der Aktionswoche mit Leben.
In unterschiedlichen Projekten und Aktionen werden die zahlreichen Gebiete des Engagements vorgestellt und nahezu das gesamte Spektrum bürgerschaftlichen Engagements aufgezeigt. So kann mit kommunaler, regionaler oder landesweiter Ausdehnung das Anliegen in der Fläche kommuniziert werden. Die Aktivitäten erstrecken sich über das gesamte Bundesgebiet und werden von vielen Bundesländern, Verbänden und Unternehmen stark unterstützt. Interessant für die Akteure vor Ort sind der Gesamtrahmen der Aktionswoche und das Erreichen bundesweiter Aufmerksamkeit. Die Woche des bürgerschaftlichen Engagements ist für sie eine wertvolle logistische und mediale Unterstützung.
Die Aktionswoche dauert faktisch bis zu zehn Tage und bietet so die Gelegenheit, mit gebündelter Präsenz auf verschiedene Formen und Möglichkeiten des Engagements aufmerksam zu machen. Das Ziel bleibt eine flächendeckende und themenübergreifende Mobilisierung, aber auch die Würdigung von Engagement. Die rund 2.000 Veranstalter, die sich jährlich beteiligen, bilden das ausdifferenzierte Spektrum des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland ab. Mitmachende tragen sich in eine Veranstaltungsdatenbank ein,  die rund sechs Monate im Jahr aktiv geschaltet ist und jede einzelne Veranstaltung der Aktionswoche kurz beschreibt. Die Datenbank dient den Akteuren zur besseren Vernetzung untereinander, den Presse- und Medienvertretern als Informationsquelle.

kulturstimmen.de: Mit den drei Thementagen der Aktionswoche, Unternehmensengagement, Armut und sozialer Zusammenhalt und Diversity, setzten Sie inhaltliche Schwerpunkte. Warum wurden diese Themen ausgewählt?

Dieter Rehwinkel: Jedes Jahr versuchen wir mit den sogenannten Thementagen, einzelne Engagementbereiche gezielt herauszuheben. Dazu suchen wir strategische Partnerschaften, meist mit entsprechenden Mitgliedern des BBE. Mit begleitenden Publikationen und gezielter Öffentlichkeitsarbeit können wir auf diese Weise eine bessere Tiefenschärfe bei der Wahrnehmung von Initiativen und Engagementfeldern erreichen. Zwar ist das Motto der Kampagne „Engagement mach stark!“, aber es kommt uns darauf an, kein diffuses Bild im Sinne von „Hauptsache engagiert“ zu vermitteln.
Eine besondere Rolle spielt dabei –zumal in einem trisektoralen Netzwerk wie dem BBE- das Engagement von Unternehmen. Hier herrschen noch zu viele Vorurteile und  Fehleinschätzungen vor. Wir versuchen, die vielen guten Ansätze von Unternehmensengagement zu beleuchten und damit mehr Kooperation und Verständnis zu befördern.

kulturstimmen.de: Ziel der Aktionswoche ist es, die Annerkennung und Würdigung von ehrenamtlicher Tätigkeit in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu tragen. Haben Sie diesbezüglich durch die zurückliegenden Wochen des bürgerschaftlichen Engagements bereits kleine oder große Erfolge erzielen können?

Dieter Rehwinkel: Erfolge sind die Vielzahl und Diversität der Mitwirkenden und die fachliche Resonanz auf unsere Dialogformate wie das Kampagnenmagazin und die Sonderinfoletter zu den Thementagen. Die mediale Aufmerksamkeit könnte noch besser, vor allem im qualitativen Sinne sein.  Wir bewegen uns im Aufmerksamkeitsschatten der Medien. Bürgerschaftliches Engagement wird nicht von prominenten Einzelnen geprägt, es vollzieht sich nicht im Konflikt mit anderen Interessen, kreist nicht um Rekorde oder unmittelbare Gefahren, bietet zumeist nichts Spektakuläres und konzentriert sich fast nie auf kurze, abgeschlossene Ereignisperioden. Es hat also keine der Eigenschaften, die es für Medien interessant macht. Hier versuchen wir mit der Kampagne auch auf die medial vermittelte Öffentlichkeit zu wirken.

kulturstimmen.de: Welchen Stellenwert hat bürgerschaftliches Engagement Ihrer Meinung nach im Kulturbereich und welche Funktionen erfüllt es?

Dieter Rehwinkel: Bürgerschaftliches Engagement bildet die Alltagswirklichkeit der Demokratie ab. Und Demokratie kann anstrengend sein. Viele Engagierte kümmern sich um Bereiche, in denen Mangel herrscht, weil der Staat oder das Gemeinwesen nicht genügend Angebote bereithalten. Das ist nicht immer einfach für die Einzelnen. Vielleicht ist es im Kulturbereich etwas einfacher. Ohne Freiwillige wäre unsere Kulturlandschaft zweifellos ärmer.
Selbstorganisation, Entscheidungskompetenz und Handlungsautonomie sind die wichtigsten Treiber für freiwilliges Engagement. Kulturelles Engagement hat obendrein viel mit Freude und Kreativität zu tun. Insofern hat der Kulturbereich sicher eine initiale, motivierende Vorbildfunktion für Menschen, die sich engagieren wollen. Andererseits müssen wir –wie in anderen Engagementfeldern auch- aufpassen, dass die Vernachlässigung und Streichung staatlicher Leistungen nicht mit sogenannter Ehrenamtlichkeit kompensiert wird. Vielleicht sollten wir im nächsten Jahr dazu einen Thementag veranstalten….

kulturstimmen.de: Wo sehen Sie für die Zukunft Veränderungsbedarf, um die Rahmenbedingungen für bürgerschaftliches Engagement zu verbessern?

Dieter Rehwinkel: Die partizipationsorientierten neuen Motive für zivilgesellschaftliches Handeln haben es in den etablierten Organisationen, Parteien und Verbänden derzeit schwer. Eine entscheidende Frage ist, ob in Zeiten, in denen Engagement immer häufiger ohne Mitgliederausweis stattfindet,  neue Impulse aus der Zivilgesellschaft gestärkt und moderne Engagementformen unterstützt werden. In unserer immer mehr von sozialer Spaltung geprägten Gesellschaft wächst grundsätzlich ja die Bedeutung der Integrations- und Inklusionskraft zivilen Engagements.
Gerade die von sozialer Ungleichheit besonders betroffenen Gruppen verabschieden sich mehr und mehr von der Demokratie, oft auch deshalb, weil ihnen die Zugänge zu Partizipation und Engagement in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld fehlen. Angesichts komplizierter werdender Übergänge zwischen den Bereichen Erwerbsarbeit, Familie und zivilgesellschaftlichen Aktivitäten drohen so viele Menschen für Engagement und Partizipation verloren zu gehen. Die Politik wird sich wieder mehr darum kümmern müssen, reale Beteiligungsmöglichkeiten zu schaffen und Zugänge zum Mitwirken in einer solidarischen Bürgergesellschaft zu erleichtern. Das Lob des Ehrenamtes bei festlichen Anlässen reicht nicht aus. Auch deshalb müssen wir uns gegen Vereinnahmung und Entpolitisierung des bürgerschaftlichen Engagements wehren.

Weitere Informationen finden Sie hier.

Das Interview für kulturstimmen.de führte Verena Schmidt

REDAKTION Andrea Wenger | Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar hinterlassen