Blickpunkt Frankreich

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In der aktuellen Ausgabe von Politik & Kultur, der Zeitung des Deutschen Kulturrates, schreibt Olaf Zimmermann zum Schwerpunktthema 50 Jahre Élysée Vertrag.

Auch nach 50 Jahren Élysée-Vertrag gibt es beim Nachbarn Frankreich vieles zu entdecken

Frankreich – seine großartige Kultur und seine so eigene Kulturpolitik und die deutsch-französischen Kulturbeziehungen, die in den vergangenen Jahrzehnten gewachsenen institutionellen und politischen Verbindungen stehen im Mittelpunkt dieses Schwerpunkts »50 Jahre Élysée-Vertrag«. Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag, nach dem Ort der Unterzeichnung Élysée-Vertrag genannt, markiert einen tiefgreifenden Einschnitt in den deutsch-französischen Beziehungen. Aus »Erbfeinden« wurden Freunde. Und so ist es keineswegs verklärend angesichts des 50. Jubiläums dieses Vertrags im Juli kommenden Jahres die herausragende Bedeutung dieses Vertragswerks noch einmal zu betonen.

Die deutsch-französische Geschichte war über Jahrhunderte eine Geschichte der kriegerischen Auseinandersetzungen. Die napoleonischen Kriege, der deutsch-französische Krieg 1871, der 1. und der 2. Weltkrieg; sie waren auch Kriege, in denen es um die Vormachtstellung in Europa ging. Der Élysée-Vertrag, die Aussöhnung mit Frankreich und die sich daraus entwickelnde tiefe Freundschaft waren ein zentraler Schritt Deutschlands nach Westen und die Grundvoraussetzung für das später kommende europäische Haus.

Heute ist die deutsch-französische Freundschaft eine Selbstverständlichkeit. Angesichts des bevorstehenden 50-jährigen Jubiläums des Élysée-Vertrags ist die Versuchung groß, das Bild der Ehe und der anstehenden »Goldenen Hochzeit« zu bemühen. Die beiden Partner können zufrieden auf fünfzig gemeinsame Jahre zurückblicken. Vieles wurde erreicht an gemeinsamen Institutionen, an gemeinsamen Vereinbarungen, an routinierten Treffen und heute erscheint es geradezu absurd, dass Franzosen und Deutsche sich feindlich gegenüberstanden.

Trotzdem ist es gut auch einmal kurz zurückzudenken. Als ich mit fünfzehn Jahren Mitte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts gemeinsam mit einem Freund zwei Wochen durch Frankreich getrampt bin, war das nicht nur mein erstes großes Reiseabenteuer, sondern auch eine bis heute in mir nachwirkende lebendige Geschichtsstunde. Deutlich war damals zu spüren, dass die tiefen Wunden des Krieges noch nicht verheilt waren. Uns wurde während dieser Reise nicht nur einmal bedeutet, dass wir herzlich willkommen sind, aber nur weil wir so jung waren. Wer konnte das unseren Gastgebern, die den Zweiten Weltkrieg noch in schmerzlicher Erinnerung hatten, verdenken?

Der Schwerpunkt »50 Jahre Élysée-Vertrag« in dieser Ausgabe von Politik & Kultur soll an die Geschichte der deutsch-französischen Freundschaft erinnern und künftige Aufgaben aufzeigen. Bewusst wurde der Schwerpunkt für diese Ausgabe geplant, da im September dieses Jahres die Feierlichkeiten zu »50 Jahre Élysée-Vertrag« beginnen.  Am 22. September soll an die Rede des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle an die Jugend in Ludwigsburg vor 50 Jahren erinnert und damit der Reigen an Feierlichkeiten zu 50 Jahre Élysée-Vertrag eröffnet werden. Politik & Kultur beginnt mit diesem Schwerpunkt eine kleine Reihe »Blickpunkt Frankreich«. Bis in das kommende Jahr hinein wollen wir in jeder Ausgabe von Politik & Kultur uns in mehreren Beiträgen den deutsch-französischen Kulturbeziehungen und in besonderer Weise der deutsch-französischen Kulturpolitik widmen.

Was auf der staatlichen Seite längst eine Selbstverständlichkeit ist, der regelmäßige Austausch der Regierungen zu kulturpolitischen Fragen, muss auf der zivilgesellschaftlichen Seite im Kulturbereich mit noch mehr Leben gefüllt werden. Der Deutsche Kulturrat als Spitzenverband der Bundeskulturverbande nimmt das 50-jährige Jubiläum des Élysée-Vertrags zum Anlass, die Diskussion mit französischen Kulturverbänden zu suchen, den kulturpolitischen Austausch zu forcieren und so der deutsch-französischen Freundschaft eine weitere Facette hinzuzufügen.

Von Seiten der deutschen Kulturakteure wird oft mit Neid auf Frankreich geschaut, weil dort kulturelle Fragen – tatsächlich oder vermeintlich – eine größere Rolle spielen als in Deutschland. Besonders deutlich wird das mit Blick auf die Sprachenpolitik und das Selbstbewusstsein, mit dem auf der europäischen Ebene für französisch eingetreten wird. Hieran sollte sich die deutsche Politik ein Beispiel nehmen.

Deutschland und Frankreich sind, trotz ihrer unterschiedlichen strukturellen kulturpolitischen Vorraussetzungen, in der Kulturpolitik enge Partner. In »Blickpunkt Frankreich« in Politik & Kultur wollen wir zeigen, welche Möglichkeiten diese Partnerschaft für die Zukunft bietet. Wir wollen analysieren, welche Rahmenbedingungen für Kunst und Kultur Frankreich für die Zukunft besonders wichtig sind. Wie mit der Anforderung nach dem Schutz des geistigen Eigentums in der digitalen Welt umgegangen werden soll, welche Regelungen im Steuerrecht für Kunst und Kultur getroffen werden sollen, wie die soziale Lage der Künstler in Frankreich ist, welche Anstrengungen unternommen werden, um Kultur zu vermitteln und vieles andere mehr. Auch wird es um die Frage gehen wie Frankreich und Deutschland gemeinsam mit der UNESCO-Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen umgehen. Welche Rolle diese Konvention in der Kulturpolitik spielt. Spannend wird es sein, mehr darüber zu erfahren, welche Strategien beide Länder in der Einwanderungspolitik verfolgen und welche Rolle der interkulturelle Dialog innerhalb des jeweiligen Landes hat. Dazu gehört auch die Frage nach der Religion. Welche Rolle spielt die Religion im laizistischen französischen Staat? Gehört zum interkulturellen auch der interreligiöse Dialog? Und welche kulturpolitische Verantwortung wollen Frankreich und Deutschland in und für Europa gemeinsam übernehmen? Dabei soll auch auf die Besonderheiten der verschiedenen künstlerischen Sparten eingegangen werden. In den Mittelpunkt wollen wir aber die Rahmenbedingungen für Kunst und Kultur rücken.

Wir sind neugierig auf den Nachbarn Frankreich und ich bin mir sicher, es gibt auch nach 50 Jahren Élysée-Vertrag vieles zu entdecken und vor allem noch vieles gemeinsam auf den Weg zu bringen. Herzlich danken möchte ich an dieser Stelle dem französischen Botschafter in Deutschland Maurice Gourdault-Montagne, seinen Mitarbeiterinnen in der Kulturabteilung der Französischen Botschaft sowie den Mitarbeiterinnen des Institut français in Berlin. Mit ihnen wurde gemeinsam der Schwerpunkt geplant und wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit bei den nächsten Blickpunkten Frankreich.

Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur

REDAKTION Andrea Wenger | Hinterlasse einen Kommentar

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