Ermutigen, wachrütteln und sportlichen Ehrgeiz anfachen

Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Bereichsleiter Kunst und Kultur der ver.di Bundesgeschäftsführer des VS – Verband deutscher Schriftsteller in ver.di

Gabriele Schulz befragt Heinrich Bleicher-Nagelsmann zum Kulturrating von ver.di

Am 18. Mai dieses Jahres stellte ver.di ein Kulturrating vor. Politik & Kultur fragt nach den Beweggründen dieses Kulturratings und den möglichen Auswirkungen auf die Kulturfinanzierung. Herr Bleicher-Nagelsmann, passend zum Tag der kulturellen Vielfalt wurde das von ver.di in Auftrag gegebene Kulturrating veröffentlicht. Warum hat ver.di ein solches Kulturrating in Auftrag gegeben?

Heinrich Bleicher-Nagelsmann: Ausgangspunkt unserer Überlegungen waren die Aktivitäten der Rating-Agenturen seit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2008. Ihre Tätigkeit hat an Bedeutung gewonnen und wurde zu Recht Gegenstand kritischer öffentlicher Diskussionen. Dieser einseitigen ökonomischen Betrachtungsweise wollten wir als ver.di-Fachgruppe Kunst und Kultur etwas entgegen setzen. Wir wollen nicht verurteilen oder verdammen, sondern auf bedenkliche Entwicklungen aufmerksam machen. Bewusst haben wir als Veröffentlichungstag den Tag der kulturellen Vielfalt, den 21. Mai, gewählt, um deutlich zu machen, wie wichtig kulturelle Vielfalt für unser Gemeinwesen ist. Im vergangenen Jahr haben wir das “Notgeld Kultur” ausgegeben und in diesem Jahr mit dem “Kulturrating” ein Signal gesetzt.

In welcher Beziehung steht das “Kulturrating” zum Kulturfinanzbericht? Im Kulturfinanzbericht werden doch auch die Kulturausgaben der Kommunen ausgewiesen?

Heinrich Bleicher-Nagelsmann: Es sind zwei verschiedene, im Kern kaum miteinander vergleichbare Vorgehensweisen. Im Kulturfinanzbericht werden als Kriterium letztlich die Kulturausgaben der Kommunen pro Kopf ausgewiesen. Wir konzentrieren uns in unserem Kulturrating auf die Bruttowertschöpfung je Einwohner in den Kommunen und setzen hierzu die Kulturausgaben für Theater und Orchester sowie für Bibliotheken in Beziehung. Die Bruttowertschöpfung pro Kopf ist eine anerkannte Größe, um die Produktivität verschiedener Regionen miteinander zu vergleichen und in Beziehung zu setzen. Da es sich um ein vielfach gebrauchtes und bewahrtes statistisches Instrument handelt, haben wir es ausgewählt. Zum zweiten stutzen wir uns auf die Statistiken der Fachverbande und nicht, wie der Kulturfinanzbericht, auf die Statistiken der Länder oder Kommunen. Wir haben bewusst diese Datenquellen Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Theaterstatistik des Deutschen Buhnenvereins und Deutsche Bibliotheksstatistik gewählt, weil wir uns davon die größte Genauigkeit versprechen. Das Kulturrating haben wir nicht selbst erstellt, sondern Michael Söndermann, einen national und international anerkannten Kulturstatistiker beauftragt. Er ist unter anderem Vorsitzender des Arbeitskreises Kulturstatistik, mit ihm zusammen wurde das Instrumentarium entwickelt und er hat dann schließlich die Untersuchung durchgeführt.

Haben Sie aufgrund der Konzentration auf die Statistiken der Fachverbände andere Kultureinrichtungen in der Kommune wie Museen, Musikschulen, soziokulturelle Zentren oder weitere nicht in den Blick genommen?

Heinrich Bleicher-Nagelsmann: Dies war und ist durchaus unsere Absicht. Es ist aber tatsachlich so, dass für die anderen kulturellen Bereiche öffentlich keine so aussagekräftigen Daten vorliegen, wie für die in diesem Kulturrating dargestellten Sparten. Die Musikschulen haben zwar eine kontinuierliche Musikschulstatistik, sie ist aber mit den anderen beiden genutzten nicht kompatibel. Insofern haben wir uns zunächst auf Theater, Orchester und Bibliotheken konzentriert. Ich halte dieses aber auch für vertretbar, da gerade die Theater und Orchester den größten Anteil an den Kulturausgaben der Kommunen haben. Es ist also sehr wichtig, gerade diese Einrichtungen im Blick zu haben. Bibliotheken verfugen nicht nur über eine gute Kulturstatistik, sie sind auch Kultureinrichtungen, die sich in besonderer Weise im Schnittfeld von Kultur- und Bildungspolitik verorten und niedrigschwellige Angebote machen. Sie haben daher eine sehr große Bedeutung für die Kultur und die kulturelle Bildung in einer Kommune, die gar nicht deutlich genug herausgestellt werden kann.

Wie haben Sie die Städte ausgewählt, die untersucht wurden?

Heinrich Bleicher-Nagelsmann: Uns war es wichtig, Städte aus den verschiedenen Regionen Deutschlands zu haben. Also aus dem Norden, dem Osten, dem Suden und dem Westen. Außerdem sollten es sogenannte reichere Kommunen, mit einer starken Wirtschaftskraft und Kommunen mit einer geringeren Wirtschaftskraft sein. Uns war es wichtig zu untersuchen, welcher Stellenwert in Kommunen, die in einer eher schwierigen wirtschaftlichen Situation stehen, der Kultur beigemessen wird und welche Rolle Kultur in Kommunen spielt, die sich in einer vergleichsweise guten ökonomischen Lage befinden. Dabei zeigen sich ganz erstaunliche Ergebnisse. Städte, die ansonsten aufgrund ihrer Kulturfinanzierung und kulturellen Infrastruktur gelobt werden wie München, Leipzig oder Dresden, erscheinen bei unserer Betrachtungsweise als absteigende Städte. Andere wie Freiburg oder Kiel, aber auch Rostock, als aufsteigende Städte. Sie haben also im Vergleich zu anderen in die Kultur investiert.

Es fällt dennoch auf, dass, wenn man die verschiedenen Bundesländer betrachtet, keine thüringische Stadt dabei ist und Berlin ebenfalls fehlt, obwohl die beiden anderen Stadtstaaten Bremen und Hamburg einbezogen wurden. Wie kommt das?

Heinrich Bleicher-Nagelsmann: Berlin mit seinem Hauptstadtfaktor spielt eine nur schwer zu erfassende und zu bewertende Rolle. Hier erscheinen uns die vorliegenden Daten nicht valide genug. Thüringen werden wir in Zukunft in die Erhebung und Bewertung mit einbeziehen.

Wenn ich die Daten betrachte, so fallt mit Blick auf das Kulturrating bei Theatern und Orchestern auf, dass beispielsweise Schwerin, eine Stadt, in der die Theaterfinanzierung zur Diskussion steht, einen sehr guten Wert erhalt und zu den aufsteigenden Städte gezahlt wird.Haben Sie nicht Sorge, dass die Daten gegen die Kultur verwendet werden können?

Heinrich Bleicher-Nagelsmann: Dagegen ist niemand gefeit, dass Daten anders benutzt werden als intendiert. Wir betrachten einen Zehnjahreszeitraum und vergleichen die Jahre 1999/2000 mit 2009/2012. Uns geht es, wie schon gesagt, darum, eine Entwicklung aufzuzeigen. Dabei kamen, wie ich erwähnte, auf den ersten Blick erstaunliche Daten zu Tage, oder hatten Sie gedacht, dass München, immerhin Platz fünf der untersuchten Städte, bei der Bruttowertschöpfung pro Kopf Platz 16im Kulturrating einnimmt, und damit noch hinter Halle/Saale liegt, das auf Platz 21 in der Bruttowertschöpfung pro Kopf liegt und immerhin auf Platz 14 im Kulturrating rangiert? Uns ging es darum, einen anderen Blick auf die Kommunen, ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und den Stellenwert, der der Kultur auch finanziell beigemessen wird, zu werfen. Dabei wollten wir jene Städte, die sich bereits sehr in der Sicherung der kulturellen Daseinsvorsorge engagieren, ermutigen und jene, die einen der hinteren Range einnehmen, sportlich gesprochen, wachrütteln, damit sie Energien für einen möglichen Aufstieg freisetzen.

War das Kulturrating eine Eintagsfliege oder planen Sie eine regelmäßige Wiederholung?

Heinrich Bleicher-Nagelsmann: Es soll kein Strohfeuer oder, wie von Ihnen genannt, eine Eintagsfliege sein. Dafür war der gesamte Aufwand bei der Entwicklung des Instrumentariums auch viel zu gros. Ich hoffe, dass der Aktionstag „Kultur gut stärken“, der zwei Mal sehr erfolgreich durchgeführt wurde, im kommenden Jahr wieder stattfindet und kann mir vorstellen, dass dann das neue Kulturrating vorgelegt wird. Letztlich machen solche Aufstellungen auch nur Sinn, wenn sie regelmäßig erscheinen und damit über eine Entwicklung Auskunft geben. Vielleicht schaff en wir es bis dahin zusammen mit Herrn Sondermann vom Arbeitskreis Kulturstatistik noch weitere Sparten in den Blick zu nehmen.

Herr Bleicher-Nagelsmann, das ist ein positiver Blick in die Zukunft. Haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.

Heinrich Bleicher-Nagelsmann ist Bereichsleiter Kunst und Kultur bei ver.di, Geschäftsführer des Verbands deutscher Schriftsteller und Stellvertretender Sprecher des Rates für darstellende Kunst und Tanz im Deutschen Kulturrat, Gabriele Schulz ist Stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Kulturrates.

Nähere Informationen zum Kulturrating sind zu finden unter: http://medien-kunst-industrie.verdi.de/-/Oeq

REDAKTION Stefanie Ernst | Hinterlasse einen Kommentar

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