Die Last der langen Nase

Barbiepuppe, Schönheitideal mit Kopftuch

Neuer Trend zur Schönheitschirurgie im Iran

von Reinhard Baumgarten

Früher begann der Tag für Shima beim Blick in den Spiegel mit Zweifeln. Meine Nase, dachte sie gleich morgens, ist zu groß0 zu lang und irgendwie nicht richtig. Shima entschloss sich zu einer Nasenoperation. „Ich denke“, sagt die schlanke 24-Jährige, „die Operation ist zu einem ganz normalen Ereignis geworden und fast alle mochten das machen. Es ist ein Zeichen für den Wunsch nach Vollkommenheit.“

In keinem Land der Welt werden aus Gründen der Schönheit so viele Nasen operiert wie im Iran. Eigentlich sei’s nicht nötig gewesen, sagt Shimas ebenfalls operierte Freundin Tiva. „Aber ich wollte es unbedingt. Ich wollte die Spitze meiner Nase leicht abflachen. Das war alles. Sie hat sich auch kaum verändert. Aber nach der OP hatte ich mehr Selbstvertrauen. Ob gut oder schlecht – mein Selbstvertrauen ist jedenfalls dadurch gestiegen.“ Teheran ist die Welthauptstadt der Nose-Jobs, der Nasenoperationen. Nirgends werden prozentual so viele Nasen gekürzt, gerichtet, gestreckt, gestutzt und perfektioniert wie hier. Laut der ihm bekannten Statistiken, sagt der Schönheitschirurg Ramtin Kassiri, liegt der Iran bei Nasenoperationen weltweit an erster Stelle. Danach kamen der Libanon und Syrien sowie Länder in Lateinamerika. In den USA wurden zwar auch viele Nasen operiert, aber trotz der 300 Millionen Einwohner dort gebe es im Iran mehr Nasen-OPs.

Im Iran leben rund 75 Millionen Menschen. Landesweit üben sich mehr als 3.000 Ärzte in der Kunst der plastischen Chirurgie. Die Nachfrage steigt von Jahr zu Jahr – trotz der Kosten von 1.000 bis 15.000 Euro pro Nase. Von Hollywood und Satellitenkanälen übermittelte angebliche Schönheitsideale regen iranische Frauen an. Im Mittelpunkt steht die mutmaßlich perfekte Nase. Warum auch nicht, fragt die 24-jährige Shima mit breitem Pflaster mitten im Gesicht. „Manche Frauen schneiden ihre Haare oder ändern die Form ihrer Augenbrauen. Andere wollen eben die Nase ändern. Wenn man für eine schönere Nase bereit ist, die Kosten zu übernehmen und die Schmerzen zu ertragen, warum denn nicht?“

Iranische Nasen, meint der ägyptische Rhinologe – also Nasenkundler – Hassan Foda bei einem Kongress fur Schonheitschirurgie in Teheran, seien genetisch bedingt oft etwas groß geraten. Doch etwas Anderes spiele wahrscheinlich ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, die Nase verkleinern zu wollen. In Ägypten treffe er täglich Patientinnen, die in dem Moment eine Nasen-OP wollten, in dem sie sich für das Kopftuch entschieden hatten. „Sie wissen, dass ihre Nase dann im Mittelpunkt steht. Und wenn die groß ist, dann kann jeder sehen, dass sie groß ist. Vorher konnte sie das durch Haare und Make-Up kaschieren.“

Im Iran herrscht Kopftuchzwang. Außerdem achten Sittenwächter auf die Kleiderordnung. Ein aufreizendes Outfit gilt als inakzeptabel. Alle Jahre wieder im Frühling werden junge Frauen von der Polizei wegen mutmaßlich loser Kleidung eingesammelt, belehrt und zuweilen bestraft.

Iranische Frauen, klagt Shima, könnten sich kaum ausdrücken. Im Ausland könnten sich Frauen zum Beispiel mit Klamotten so zeigen, wie sie möchten. Wegen vieler Verbote im Iran – sogar die Farbe der Kleidung sei eingeschränkt – schminkten sich iranische Frauen stärker. Sie wollten einfach bemerkt werden. „Sie können nur ihre Gesichter zeigen und es ist auch die einzige Freiheit, denn die Regierung verhaftet ja noch niemanden mit operierter Nase.“ Shima lacht, Tiva lächelt. Die Pflaster über ihren Nasen sind gespannt.

Die Nase im Zentrum der Wahrnehmung. Auf den Straßen in Teheran, Isfahan oder Mashhad sind viele junge Iranerinnen mit bandagierten Nasen zu sehen. Auch in Deutschland nehme die Zahl der Nasen-OPs zu, stellt der HNO-Arzt Guido Wolck vom Bundeswehrkrankenhaus Hamburg auf dem Kongress in Teheran fest. Aber es gebe einen entscheidenden Unterschied. In Europa insgesamt wolle man nicht unbedingt zeigen, dass die Nase operiert worden sei, sondern man wolle natürlich bleiben. Im Iran hingegen sei es auch ein gewisses Statussymbol, dass man sich die Nase operieren lassen konnte – rein finanziell. „Wenn ich durch die Straßen gehe und sehe, wie relativ aggressiv man noch das Taping, den Gipsverband zeigt, dann ist das ein großer Unterschied zu Deutschland.“ Im Iran, ergänzt der Schönheitschirurg Ramtin Kassiri, wolle man mit einer operierten Nase bisweilen auch angeben. Deshalb trügen viele das Pflaster weiter – ein oder zwei Monate, manche sogar bis zu einem Jahr. Einige klebten sich ein Pflaster auf die Nase, ohne überhaupt operiert worden zu sein.

Auch iranische Männer haben offenbar zunehmend das Gefühl, ihre Nase sei zu groß. Denn immer häufiger ziehen Männer Schönheitschirurgen zu Rate. Für die frisch operierte Tiva ist das ein klares No-Go: Nur wenn die Operation medizinische Gründe habe, sei das in Ordnung. Aber wenn ein Mann sie nur wegen der Schönheit mache, dann habe er offenbar ein Problem. „Ein Mann mit Problemen, das würde mir nicht gefallen.“ Tivas Logik? Tivas weiblichiranische Logik? Schönheit, Eitelkeit und der Wunsch nach Bewunderung und Wahrnehmung – das soll nach Meinung Tivas und Shimas den Frauen vorbehalten bleiben. Ob Frauen oder Männer: Die plastische Chirurgie gehört in der Islamischen Republik mit hoher Inflation, steigender Arbeitslosigkeit und aufgrund ausgedehnter Wirtschaftssanktionen gegen das Land fallender Wirtschaftsleistung zu den Top-Wachstumsbranchen.

Reinhard Baumgarten ist Hörfunkkorrespondent der ARD in Istanbul und zuständig für die Länder Iran, Griechenland, Türkei und Zypern

 

REDAKTION Andrea Wenger | Hinterlasse einen Kommentar

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