Die Gründung eines muslimischen Wohlfahrtverbands ist überfällig

Ein muslimischer Wohlfahrtsverband sollte den Anspruch haben, das gesamte Spektrum der Freien Wohlfahrtspflege abzudecken, also von der Jugendhilfe bis zu den Altersheimen...

Gabriele Schulz im Gespräch mit Aiman Mazyek

Politik & Kultur: Wenn man die in der Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege zusammengeschlossenen Verbände betrachtet, gibt es derzeit die weltlichen Verbände Arbeiterwohlfahrt, Der Paritätische Gesamtverband, das Deutsche Rote Kreuz sowie die religiös geprägten Verbände Deutscher Caritasverband, Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Sehen Sie den Bedarf nach einem muslimischen Wohlfahrtsverband?  
Aiman Mazyek:
Ich sehe dringenden Bedarf und habe dieses in der Vergangenheit bereits mehrfach zum Ausdruck gebracht. Es gibt allerdings eine Reihe von Hindernissen, die aus dem Weg geräumt werden müssten.

Politik & Kultur: Sehen Sie den Bedarf, das gesamte Spektrum abzudecken von Kindergärten bis hin zu Altenheimen?  
Aiman Mazyek:
Ich denke, dass ein muslimischer Wohlfahrtsverband den Anspruch haben muss, das gesamte Spektrum der Freien Wohlfahrtspflege abzudecken, also die Jugendhilfe, den Unterhalt von Kindergärten, Altersheimen, Beratungsangebote usw. Ich erhoffe mir dadurch eine Stabilisierung und Verbesserung der ohnehin stattfindenden Arbeit in den muslimischen Gemeinden. Hier findet vieles auf rein ehrenamtlicher Basis statt. Eine Professionalisierung der muslimischen Arbeit in den genannten Feldern würde den Muslimen, aber auch der gesamten Gesellschaft zu Gute kommen.

Politik & Kultur: Die kirchlichen Wohlfahrtsverbände, Caritas und Diakonie, haben eine Verbindung zu der jeweiligen Kirche. Wie könnte eine Zusammenarbeit eines muslimischen Wohlfahrtsverbands mit den verschiedenen muslimischen Verbänden aussehen?
Aiman Mazyek: Zunächst bitte ich zu berücksichtigen, dass weder die katholische noch gar die evangelische Kirche ein monolithischer Block sind. Im Gegenteil, gerade in der evangelischen Kirche gibt es sehr verschiedene Glaubensrichtungen und -auslegungen. Diese waren kein Hindernis zur Etablierung eines evangelischen Wohlfahrtsverbands. Spannender ist es doch, zu sehen, wie es gelungen ist, zu einem gemeinsamen Auftreten zu kommen. Hier können die muslimischen Verbände sich vielleicht etwas abgucken. Mit den vier Dachverbänden DITIB, Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland,

Verband Islamischer Kulturzentren, Zentralrat der Muslime und als gemeinsamem Dach, dem Koordinierungsrat der Muslime, gibt es eigentlich einen gemeinsamen Ansprechpartner. Ich denke, wenn es gewünscht wird, gibt es sowohl auf der Bundes- als auch der Landesebene die entsprechenden Ansprechpartner. Sie müssen nur ernst genommen und ihre Kompetenz genutzt werden. Wenn die Muslime gebeten werden, einen Ansprechpartner zu benennen, könnte dieses auch erfolgen. Es ist doch eher die Frage, ob dieses auch gewünscht wird oder ob die vermeintliche Zersplitterung der muslimischen Zivilgesellschaft nicht auch ein wohlfeiles Argument ist, um zu verhindern, dass sie beispielsweise in Rundfunkräten vertreten sind oder einen muslimischen Wohlfahrtsverband gründen.

Politik & Kultur: Sie sprachen eingangs von den Hindernissen, die der Gründung eines muslimischen Wohlfahrtsverbands entgegenstehen. Können Sie diese näher beschreiben?
Aiman Mazyek:
Zum einen wird staatlicherseits, aber auch von Seiten der bestehenden Wohlfahrtsverbände oftmals auf die angebliche Zersplitterung der muslimischen Zivilgesellschaft hingewiesen und diese als Hemmschuh für die Entwicklung eines muslimischen Wohlfahrtsverbands dargestellt. Dass dieses letztlich ein vorgeschobenes Argument ist, habe ich schon ausgeführt. Zum anderen sollte die Konkurrenz der Wohlfahrtsverbände untereinander nicht unterschätzt werden. Ein muslimischer Wohlfahrtsverband als weiterer Mitspieler wird offenkundig von manchen nicht als sinnvolle Ergänzung, sondern als Gefahr angesehen. Zum Dritten engagieren sich einige der bestehenden Wohlfahrtsverbände im Bereich der Arbeit mit Migranten oder auch mit muslimischen Gemeinden auf lokaler Ebene und erweitern damit ihr Angebotsspektrum. Hieraus entsteht eine Konkurrenzsituation, die sich als Bremse für die Entwicklung eines eigenständigen muslimischen Wohlfahrtsverbands erweist.

Politik & Kultur: Die Wohlfahrtsverbände stehen traditionell auf zwei Beinen, dem ehrenamtlichen Engagement und der hauptamtlichen Arbeit. Erwarten Sie durch die Gründung eines muslimischen Wohlfahrtsverbands eine Stärkung des ehrenamtlichen Engagements von Muslimen in Deutschland? Oder liegt der besondere Mehrwert aus ihrer Sicht in der Stärkung der hauptamtlichen Arbeit?
Aiman Mazyek:
Das bürgerschaftliche Engagement ist ein, wenn nicht der wesentliche Bestandteil der Arbeit in den muslimischen Gemeinden. Ich stelle allerdings immer wieder fest, dass nur wenig Wertschätzung gegenüber diesem Engagement in den Gemeinden gibt und es an Anerkennung fehlt, obwohl hier tagtäglich bürgerschaftliches Engagements stattfindet. Angefangen von der Praktizierung der fünf Pflichtsäulen im Islam bis hin zu einer Vielzahl von Angeboten für verschiedene Zielgruppen, wie z.B. Sprachunterricht, Nachhilfe und Jugend-, Frauen- und Erwachsenbildung. Wenn es allerdings um Angebote geht, die staatlicherseits unterstützt werden, besteht vielfach das Problem, dass ein entsprechender Wohlfahrtsverband als Träger fehlt. Das führt letztlich dazu, dass mit anderen Organisationen und nicht mit den Muslimen selbst zusammengearbeitet wird. Letztlich wird sich ein muslimischer Wohlfahrtsverband auch in seinen Standbeinen, der Verschränkung und gegenseitigen Bedingung von haupt- und ehrenamtlicher Arbeit nicht viel von den anderen Wohlfahrtsverbänden unterscheiden.

Politik & Kultur: Eine hauptamtliche Struktur ist aber vonnöten, um an staatlichen Förderprogrammen beispielsweise partizipieren zu können?
Aiman Mazyek:
Das ist so und ich spüre leider auch nur wenig Interesse an einer tatsächlichen Zusammenarbeit mit Muslimen. Es bestehen nach wie vor Vorbehalte.

Politik & Kultur: Würden Sie sich sowohl vom Staat als auch von den bestehenden Wohlfahrtsverbänden einen Anschub wünschen, um einen muslimischen Wohlfahrtsverband auf den Weg zu bringen?
Aiman Mazyek: In jedem Fall. Es gibt bereits Strukturen, die aufgrund ihrer rein ehrenamtlichen Struktur und privaten Finanzierung aber an ihre Grenzen stoßen. Von diesen Strukturen eine Professionalität zu verlangen, die den bestehenden professionellen Verbänden vergleichbar ist, ist eine Überforderung, die nicht erfüllt werden kann. Weil die bestehenden Verbände im föderativen und föderalen System der Bundesrepublik voll verankert sind und die Muslime eben noch nichts Vergleichbares haben.

AIMAN MAZYEK IST VORSITZENDER DES ZENTRALRATS DER MUSLIME,  GABRIELE SCHULZ IST STELLVERTRETENDE GESCHÄFTSFÜHRERIN DES DEUTSCHEN KULTURRATES

Mehr zum Thema muslimische Zivilgesellschaft finden Sie unter http://www.kulturrat.de/islam/islam-5.pdf

REDAKTION Stefanie Ernst | Hinterlasse einen Kommentar

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