Never Sorry

Die Verhaftung Ai Weiweis erregte im April letzten Jahres viel Empörung. Die US-Amerikanerin Alison Klayman begleitete den chinesischen Künstler und politischen Aktivisten bis zu diesem Zeitpunkt bereits seit über zwei Jahren mit der Kamera. Das Ergebnis, die am 14. Juni im Kino anlaufende Dokumentation „Ai Weiwei: Never Sorry“, liefert dem Publikum eine Dokumentation, durch die es vor allem die Perspektive des Portraitierten kennen lernt. Im schriftlichen Interview mit filmcontact kainz+hamm wollte kulturstimmen.de mehr über die Intentionen des Films erfahren.

Kulturstimmen: Wie lernen die Zuschauerinnen und Zuschauern Ai Weiwei in diesem Film kennen?
filmcontact kainz+hamm: Die junge Regisseurin Alison Klayman hat den international gefeierten Künstler und Aktivisten Ai Weiwei drei Jahre lang begleitet. Sie hat mit langjährigen Wegbegleitern Ai Weiweis gesprochen, mit Künstlern und Autoren, aber auch sehr persönliche Gespräche zwischen Ai Weiwei und seiner Mutter Gao Ying aufgezeichnet und zeigt Ai Weiwei als Vater eines drei-jährigen Sohnes. Ihr Portrait zeigt den Politischen, den künstlerischen aber auch den privaten Ai Weiwei.

Der Film AI WEIWEI: NEVER SORRY beginnt 2008 mit Ai Weiweis Nachforschungen über die durch ein großes Erdbeben getöteten Kinder in der Provinz Sichuan, bei dem mit Billigmaterial gebaute Gebäude wie Pappkartons ineinander fielen. Zu dieser Zeit stand er bereits unter Beobachtung der Regierung, was eines Nachts im August 2009 zu einem Übergriff durch Sicherheitsbeamte führte. Ai Weiwei wurde schwer am Kopf verletzt. Einen Monat später, während der Vorbereitungen seiner größten Einzelausstellung im Haus der Kunst München, musste er sich einer Notoperation unterziehen. Die Ausstellung »So sorry« erinnert mit der Installation Remembering, bei der 9000 bunte Rucksäcke an der Fassade des Hauses der Kunst den Schriftzug „Sie lebten sieben Jahre glücklich auf dieser Welt“ bilden, an die in Sichuan getöteten Schulkinder und verweist gleichzeitig auf die Gleichgültigkeit und Brutalität der chinesischen Behörden.

Im April 2011 verschwindet Ai Weiwei spurlos – niemand weiß, wo er ist und wie es ihm geht. Weltweit regt sich Protest, die Menschen machen sich stark für ihn und fragen „Wo ist Ai Weiwei?“. Nach drei Monaten ist er plötzlich wieder da. Seit Juni 2011 steht Ai Weiwei unter politischem Hausarrest.

Kulturstimmen: „Ai Weiwei: Never Sorry“ lief bei der diesjährigen Berlinale in der Kategorie Berlinale Special. Welche Reaktionen gab es bereits auf den Dokumentarfilm?
filmcontact kainz+hamm: Obwohl Ai Weiwei seit einigen Jahren durch seinen Blog und Twitter, seine Installationen oder auch durch seine Gefangenschaft in den Medien sehr präsent ist, lässt sich der Werdegang des chinesischen Künstlers nicht leicht nachvollziehen. Alison Klayman schafft es in ihrem Dokumentarfilm Ai Weiwei: Never Sorry den Lebensweg des Fotografen, Architekten, Autors, Dokumentarfilmers und Bloggers nachzuzeichnen und dem Zuschauer tiefere Einblicke die Person und das Leben von Ai Weiwei zu geben. Sie wollte einen Menschen zeigen, der bereit ist ein Risiko einzugehen, um die Gesellschaft auf ihre eigenen Missstände aufmerksam zu machen. Ai Weiwei ist eine charismatische Persönlichkeit, die mit ihrer Dynamik die Vielfalt der Erfahrungen und Realitäten in China verkörpert, Zeichen dafür, wie China sich verändert hat und dass es noch sehr viele weitere Veränderungen geben wird.

So wie der Künstler und Aktivist Ai Weiwei polarisiert, so tut es vielleicht auch der Film. Sicher ist jedoch: diese Dokumentation regt zur Diskussion an – sei es über Kunst, über das chinesische Regime, über Freiheit und Menschenrechte oder über moderne Kommunikationswege. Die Solidaritätsbekundung der Initiative Friedenspreis brachte eine besondere Aktion im Kontakt der diesjährigen Berlinale hervor: der Berliner Marlene-Dietrich-Platz wurde am 12. Februar 2012 für einen Tag symbolisch in Ai-Weiwei-Platz umbenannt.

Kulturstimmen: Ai Weiwei sagte: „Ich will, dass meine politischen Bemühungen zum Kunstwerk werden.“ Wie vermittelt der Film diesen Anspruch?
filmcontact kainz+hamm: Indem Alison Klayman Ai Weiwei drei Jahre mit der Kamera begleitet hat, vermittelt der Films stets auch Ai Weiweis Anspruch: So ist die Kamera dabei als Ai Weiwei mit den Nachforschungen zum Erdbeben in der Provinz Sichuan beginnt, ein Jahr später bei der daraus entstandenen Installation Remembering. Im Jahr 2010 realisiert Ai Weiwei seine umfangreiche Installation Sunflower Seeds, bei der er 100 Millionen handgefertigte Porzellan-Sonnenblumenkerne in der Tate Modern präsentiert. Die Sonnenblumenkerne symbolisieren hierbei nicht nur sein großes Engagement in der Vergangenheit sondern auch die Kraft der Massen. Der Höhepunkt des Films zeigt Ai Weiwei umgeben von seinen Hoffnungsträgern: seinem Sohn und 100 Millionen Sonnenblumenkernen – Symbole für Zusammenarbeit und Kreativität. Der Film zeigt, was Ai Weiwei wirklich ist: Ein Gesamtkunstwerk.

Kulturstimmen: Ist „Ai Weiwei: Never Sorry“ ein primär politischer Film?
filmcontact kainz+hamm: „Ai Weiwei: Never Sorry“ ist ein Porträt, das den politischen Aktivisten Ai Weiwei in den Vordergrund stellt, seine Suche nach den Namen der 5000 Kinder, die im Erdbeben von Sichuan 2008 ums Leben kamen, weil beim Bau der Schulhäuser gepfuscht wurde. Oder sein Bemühen, seinen eigenen Fall aufzurollen, als er von Polizisten so heftig attackiert wurde, dass er eine Hirnblutung erlitt. Neben dem Künstler, Dissidenten und Freiheitskämpfer zeigt der Film AI WEIWEI: NEVER SORRY aber auch den ganz privaten Ai Weiwei: in Gesprächen mit seiner Mutter und seinem Bruder wird seine Kindheit und Jugend in der Provinz Xinjiang lebendig. Freunde des Künstlers berichten von seiner Zeit in New York und seinem Bemühen, die aufkeimende Avantgarde-Szene in Peking nach seiner Rückkehr in den 90er Jahren zu unterstützen.

Kulturstimmen: Welche Bedeutung wird „Ai Weiwei: Never Sorry“ Ihrer Einschätzung nach für das deutsche Publikum haben?
filmcontact kainz+hamm: AI WEIWEI: NEVER SORRY zeigt dem deutschen Publikum das Portrait einer der wichtigsten Persönlichkeiten des beginnenden 21. Jahrhunderts: Einen Künstler, der glaubt, dass Kunst und menschliche Freiheit untrennbar miteinander verbunden sind. Im Streben nach dieser Freiheit wird Ai Weiwei nie aufhören, seine Gegner zu provozieren. Er fragt nach, wo andere schweigen – ungeachtet der Konsequenzen.

Der Film gewährt einzigartige Einblicke in Ai Weiweis Persönlichkeit, sein Privatleben und sein Schaffen – eine differenzierte Beschreibung des heutigen Chinas zwischen Willkür und Widerstand. Eine Dokumentation, die zur Diskussion anregen wird!

Das Interview für Kulturstimmen führte Linda Schwarz.

REDAKTION Stefanie Ernst | Hinterlasse einen Kommentar

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