Muslimische Zivilgesellschaft – gibt es sie eigentlich?

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Von Olaf Zimmermann

Ob nun der Islam zu Deutschland gehört oder ob die Muslime zu Deutschland gehören, über diese nur auf den ersten Blick semantischen Verschiebungen findet in Deutschland im Kern eine Auseinandersetzung über die Grundlagen unseres Gemeinwesens statt. Spielt Religion in einem weitgehend säkularisierten Gemeinwesen überhaupt noch eine Rolle? Und wenn ja, welchen Stellenwert hat sie? Gibt es Religionen erster Klasse wie das Judentum und das Christentum, Religionen zweiter Klasse wie den Islam und dann die anderen? Und wenn ja, welche Bedeutung haben dann zivilgesellschaftliche Organisationen religiöser Prägung? Gibt es auch hier eine Rangfolge?

Spannende Fragen, die auf den dahinterliegenden Diskurs verweisen, wenn über Muslime und Zivilgesellschaft nachgedacht wird. Muslime und Zivilgesellschaft – diese Fragestellung hat mindestens zwei Dimensionen. Zum einen geht es um das Engagement von Muslimen in zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Vereinen oder Stiftungen abseits von religiösen Fragen.

Zum anderen geht es um die Frage der muslimisch geprägten organisierten Zivilgesellschaft, das heißt jene Vereine und Organisationen, die sich aufgrund eines gemeinsamen religiösen Hintergrunds zusammenschließen.

Muslime in zivilgesellschaftlichen Organisationen

Muslime gehören selbstverständlich zivilgesellschaftlichen Organisationen an. Sie sind Mitglied in einem Sportverein, in einem Chor, in einem Laienorchester, in einer Theatergruppe, einem Kunstverein und vielem anderen mehr. Sie engagieren sich als Bürger für ihre Interessen oder für ihren Stadtteil und sie gestalten ihre Freizeit in Vereinen und Verbänden.

Thomas Klie zeigt in dieser Beilage, dass das zivilgesellschaftliche Engagement der Migranten gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil überdurchschnittlich ist. Auch wenn vielfach beklagt wird, dass zu wenige Migranten in Vereinen und Verbänden präsent sind, engagieren sie sich nicht weniger als die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Zusätzlich muss festgehalten werden, dass weder alle Migranten Muslime sind, sondern ebenso Christen, Juden, Hinduisten, Buddhisten oder einfach keiner Religion angehören. Zum Zweiten sind nicht alle Muslime Migranten, sondern wie Michael Blume in dieser Beilage schreibt, zu einem großen Teil Deutsche und erscheinen daher nicht in den üblichen Statistiken zur Beteiligung von Muslimen in zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Und: Hand aufs Herz, macht es einen Unterschied, ob eine deutsche Muslima den ersten Sopran in einem Chor singt oder eine evangelische Christin aus Südkorea? Wird sich der Tenor, der Muslim ist, von dem Tenor jüdischen Glaubens unterscheiden? Doch sicherlich nicht.

Bürgerschaftliches Engagement ist zunächst losgelöst von der Religionszugehörigkeit. Menschen engagieren sich in Vereinen für sich und für andere. Weil das so ist, hat der Deutsche Kulturrat bei seinem Runden Tisch Interkultur, der von 2009 bis Ende 2011 stattfand und sich mit Fragen der interkulturellen Bildung befasst hat, religiöse Fragen weitgehend ausgeklammert. Ziel dieses Runden Tisches war es, zu eruieren, wie eine interkulturelle Öffnung von Organisationen und Institutionen aussehen kann und wie die Rahmenbedingungen verbessert werden können, damit mehr Menschen mit Migrationshintergrund an Angeboten der kulturellen Bildung partizipieren und damit sich die bestehenden Angebote stärker öffnen und interkulturell ausrichten. Religiöse Fragen spielten allenfalls am Rande eine Rolle. Zu vermuten ist, dass die Vertreter der Migrantenorganisationen an diesem Runden Tisch sehr unterschiedliche religiöse Hintergründe hatten, von katholisch über griechisch-orthodox, alevitisch, muslimisch bis hin zu keiner Religionszugehörigkeit. Ebenso ist anzunehmen, dass einige der Teilnehmer längst Deutsche sind, sich aber in Migrantenorganisationen engagieren. Dieser Runde Tisch sollte einen Beitrag zur Stärkung der Zusammenarbeit von Migrantenorganisationen und Kulturverbänden leisten. Ebenso sollte für die interkulturelle Öffnung von Kulturverbänden geworben werden. Mit diesen Anliegen befand sich der Deutsche Kulturrat auf der Höhe der Integrationsdebatte. Es geht um gegenseitige Wertschätzung, um Aufeinanderzugehen und um ein Mehr an Zusammenarbeit.

Muslimische Zivilgesellschaft

Komplizierter wird es, wenn von der muslimisch organisierten Zivilgesellschaft die Rede ist. Selbstverständlich gibt es sie. Es gibt die muslimischen Verbände auf Bundesebene und es gibt Zusammenschlüsse auf der lokalen Ebene. Gerade bei diesen Zusammenschlüssen wird in der öffentlichen Debatte aber sehr oft mit zweierlei Maß gemessen. Zum einen wird vielfach von muslimischen Verbänden erwartet, dass sie sich unmittelbar für Menschenrechtsverletzungen und Gewaltakte von Muslimen in anderen Ländern entschuldigen. Warum eigentlich, möchte ich provokant fragen? Was haben muslimische Verbände in Deutschland mit Ausschreitungen von Muslimbrüdern gegen Kopten in Ägypten zu tun? Weder gibt es eine institutionelle Verbindung, noch haben deutsche Muslime einen Einfluss darauf, was die Muslimbrüder in Ägypten machen. Es wird ja auch nicht von evangelischen Christen verlangt, dass sie sich von evangelikalen Pfarrern in den USA distanzieren, die den Koran verbrennen wollen. Zum anderen wird muslimischen Verbänden oftmals ein Misstrauen entgegengebracht, ob sie sich verfassungskonform verhalten und was hinter der Moscheetür tatsächlich passiert. Die muslimischen Verbände öffnen daher seit 1997, also in diesem Jahr zum sechzehnten Mal, die Moscheen und laden ein zur Besichtigung, zum Gespräch und zum Kennenlernen. Der Tag der offenen Moschee ist eine Einladung an alle, die sich über den Islam und das religiöse Leben in den muslimischen Gemeinden informieren wollen. An diesem Tag gibt es auch die Gelegenheit, muslimische Kindergärten kennenzulernen oder aber etwas über muslimische Jugendarbeit zu erfahren. Denn ebenso wie es christliche und jüdische Kindergärten, Jugendgruppen, Jugendfreizeiten usw. gibt, existieren diese auch für muslimische Kinder und Jugendliche. Eltern, die ihre Kinder einem muslimischen Kindergarten anvertrauen, streben ebenso wie Eltern, die einen christlichen oder jüdischen Kindergarten für ihr Kind auswählen, neben der Betreuung und Erziehung auch religiöse Bildung an. Das beginnt bei jüdischen und muslimischen Kindergärten mit der Einhaltung der Speisegebote, reicht über die entsprechenden religiösen Feiern bis hin zur kindgerechten Einführung in den Glauben. Ebenso wie junge Christen und junge Juden sich in Jugendgruppen treffen, gemeinsame Ferienfreizeiten verbringen, entstehen solche Angebote für junge Muslime. Sie sind ein selbstverständlicher Ausdruck des religiösen Lebens und dienen dazu, Gemeinschaft zu stiften, Gemeinschaft, die über das gemeinsame Erleben hinausgeht und den religiösen Bereich einbezieht. Eine konsequente und wie ich finde längst überfällige Fortsetzung dieser Aktivitäten wäre die Gründung eines muslimischen Wohlfahrtsverbands. Aiman Mazyek gibt hierzu in dieser Beilage Auskunft.

Zivilgesellschaft und Gemeinwesen

Gibt es also eine muslimisch organisierte Zivilgesellschaft und brauchen wir sie für unser Gemeinwesen? Dass es eine eigenständige muslimische Zivilgesellschaft gibt, ist unstreitig. Einige Beispiele wurden angerissen, in dieser Beilage werden weitere vorgestellt. Sie sollten ein selbstverständlicher Teil unseres Gemeinwesens werden, so wie es die christlichen und jüdischen Verbände längst sind. Sie bieten religiös gebundenen Menschen ein Forum der Auseinandersetzung über ihren Glauben, des Austausches mit anderen und der religiös gebundenen Standortbestimmung. Die sich in den letzten Jahren verstärkenden Ansätze des interreligiösen Austausches, die sich vor allem auf die drei sogenannten Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam beziehen, sollten auch als Forum für den Austausch der religiös gebundenen Zivilgesellschaft genutzt werden. Aufgrund der Fokussierung auf den eigenen religiösen Hintergrund stellen sie keine Konkurrenz untereinander, sondern eine gegenseitige Ergänzung dar.

Aber auch die anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen sollten in der Zusammenarbeit mit muslimischen Vereinen und Verbänden ein solches Selbstverständnis entwickeln, wie es mit christlichen und jüdischen Verbänden längst der Fall ist oder aber – und das wäre die Konsequenz einer dauerhaften Ausgrenzung der muslimisch organisierten Zivilgesellschaft – insgesamt müsste die korporatistische Zusammenarbeit zwischen Staat und religiös geprägter, organisierter Zivilgesellschaft auf den Prüfstand gestellt werden. Doch dies wäre nicht nur töricht, es wäre geradezu dumm, auf die integrative Kraft von Religionsgemeinschaften und die religiös geprägte Zivilgesellschaft in unserem Gemeinwesen zu verzichten.

Gehören nun die Muslime oder der Islam zu Deutschland? Beides, weil beides zusammengehört. Selbstverständlich sind Muslime deutsche Staatsbürger oder leben hier teilweise schon seit Jahren. Sie sind Teil der deutschen Gesellschaft. Und ebenso selbstverständlich gehört auch der Islam zu Deutschland, nicht zuletzt weil Muslime ihn hier praktizieren und sich eine muslimische Zivilgesellschaft herausbildet. Alle gesellschaftlichen Akteure tun gut daran, die muslimische Zivilgesellschaft nicht als Zivilgesellschaft zweiter Klasse zu behandeln.

Deutschland ist inzwischen durch kulturelle wie durch religiöse Vielfalt geprägt. Diese findet nicht nur in unserem Straßenbild oder in unserem kulturellen Leben seinen Ausdruck, sondern ebenso in einer lebendigen muslimischen Zivilgesellschaft. Diese zu stärken und den Dialog zu vertiefen, ist das Gebot der Stunde.

OLAF ZIMMERMANN IST GESCHÄFTSFÜHRER DES DEUTSCHEN KULTURRATES UND HERAUSGEBER VON POLITIK & KULTUR

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REDAKTION Stefanie Ernst | Hinterlasse einen Kommentar

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