Die Kulturstiftung des Bundes feiert 10-jähriges Jubiläum!

Hortensia Völckers, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes

Von Holprigkeiten, unerfüllten Träumen und neuen Akzenten

Gabriele Schulz im Gespräch mit Hortensia Völckers und Alexander Farenholtz zu zehn Jahren Kulturstiftung des Bundes

Bereits am 21. März dieses Jahres konnte die Kulturstiftung des Bundes ihren 10-jährigen Geburtstag feiern. Im Sommer findet in Halle/Saale ein offizielles Fest statt. Politik & Kultur blickt mit dem Stiftungsvorstand auf die letzten zehn Jahre zurück und wagt einen Blick nach vorne.

In diesem Juni feiert die Kulturstiftung des Bundes ihr zehnjähriges Bestehen. Wenn ich zurückblicke, ist mein Eindruck, dass der Start ein bisschen holprig verlief. Insbesondere bei den Verbänden, die sich im Vorfeld der Gründung sehr für die Stiftung eingesetzt hatten, spürte ich eine Zurückhaltung gegenüber der Arbeit. Würden Sie das ähnlich einschätzen oder haben Sie einen anderen Eindruck?

Hortensia Völckers: Die von Ihnen beschriebene Holprigkeit hat eher mit den Erwartungen an die Stiftung zu tun. Wir können immer nur etwas Zusätzliches fördern, Ausnahmesituationen, das vielbeschworene Surplus. Unsere Mittel reichen gar nicht, um die breite Basis zu befriedigen und letztlich ist dieses auch nicht unser Auftrag. Darum war eine bestimmte Form der Unzufriedenheit bereits vorprogrammiert. Jeder hatte sich was erträumt. Die Einen wollten, dass Denkmalschutz gemacht wird, der Andere, dass Kulturgut aus Russland hierher zurückgebracht wird und der Dritte hat sich gedacht, der Laientanz bekommt nun seine große Chance. Diese Träume gingen nicht immer in Erfüllung, weil wir als Stiftungsvorstand eigene Akzente gesetzt und unsere Agenda verfolgt haben. In dem Moment, in dem wir die eigene Agenda, also die Initiativprogramme verfolgt haben, hieß es, das ist ein Gemischtwarenladen. Würde nur ein Thema verfolgt werden, käme wahrscheinlich der Vorwurf, die spinnen ja, die sind ja völlig monomanisch, wo bleibt denn die Vielfalt. Also, ich denke, eine gewisse Unzufriedenheit wird es immer geben. Wir können immer nur punktuell Setzungen machen. Das sind fast symbolische Leistungen. Und wie man weiß, hat Symbolik eine ganz große Kraft.

Haben Sie den Eindruck, dass an die Kulturstiftung des Bundes andere Erwartungen gestellt werden als an Stiftungen, die von Privatpersonen ins Leben gerufen wurden? Ich denke zum Beispiel an die Mercator-Stiftung mit der Sie auch zusammenarbeiten.

Alexander Farenholtz: Ganz klar gibt es Unterschiede. Die Kulturstiftung des Bundes ist eine Stiftung, die politisch legitimiert ist. Sie wurde von der Bundesregierung gegründet und hat einen politisch besetzten Stiftungsrat. Ich denke, dass sie nicht mit einer privaten Stiftung verglichen werden kann.

Hortensia Völckers: Ich denke, private Stiftungen, wie die von Ihnen erwähnte Mercator-Stiftung haben einen ganz anderen Auftrag und auch einen anderen Legitimationsdruck. Wir haben ein anderes Spektrum. Aber natürlich, wenn man zeitgenössische Kunst und Kultur fördert, gibt es Überschneidungen im Bereich kulturelle Bildung.

Ich habe den Eindruck, dass das Thema kulturelle Bildung im Vergleich zu den Anfangsjahren der Stiftung in letzter Zeit an Bedeutung gewonnen hat. Beispiele hierfür sind »Jedem Kind ein Instrument « oder auch »Kulturagenten«.

Alexander Farenholtz: Das ist sicher richtig, dass das Thema wichtiger geworden ist. Dennoch war bereits eine unserer ersten Förderungen die Unterstützung des Vermittlungsprogramms der documenta im Jahr 2002.

Das Thema war also von Anfang an wichtig, Sie haben es aber nicht so sehr herausgestellt?

Hortensia Völckers: Ich denke, unsere Generation hat das Thema über viele Jahre verpasst. Für diejenigen, die in der Kultur in führenden Positionen waren, war die Kulturvermittlung und kulturelle Bildung kein wirklich wichtiges Thema. Dazu kommt, dass die kulturelle Bildung in der Schule vernachlässigt wurde. Was dazu führt, dass eine Generation groß geworden ist, für die Kultur keine Selbstverständlichkeit ist. Und diese Menschen tragen nun Verantwortung und entscheiden, wofür Mittel verwendet werden. Vielen von denen ist es nicht wichtig, dass es eine lebendige Kulturszene gibt mit einem reichen kulturellen Erbe und einer avantgardistischen, zeitgenössischen Kunst. Ich denke, dass dies ein Problem ist und noch bleibt. Insofern haben wir einen Handlungsbedarf gesehen und gehandelt.

Alexander Farenholtz, Vorstand und Verwaltungsdirektor der Kulturstiftung des Bundes

Alexander Farenholtz: Meines Erachtens hat dies auch etwas mit der Veränderung von Gesellschaft zu tun. Die starke bildungsbürgerliche Mittelschicht ist nicht mehr stilprägend in unserer Gesellschaft. Insofern meine ich, dass unter kultureller Bildung viel behandelt wird, was letztlich eine ästhetische oder konzeptionelle Reaktion auf eine gesellschaftliche Veränderung ist. Kulturelle Vermittlungsarbeit erfolgt also nicht ausschließlich aus einem Bildungs-, sondern auch aus einem künstlerischen Impuls heraus.

Der neue Schwerpunkt, den Sie gesetzt haben, ging der zu Lasten anderer Themen?

Alexander Farenholtz: Nein, denn es hat ja nicht das Eine das Andere abgelöst, sondern es ist eine starke Farbe dazugekommen. Hortensia Völckers: Ja, genau. Natürlich könnten die bestehenden Projekte immer weiter gefördert werden, weil immer Geld gebraucht wird. Aber unsere Förderungen können nur Stimuli sein. Wenn ich an den Tanzplan denke oder an das Netzwerk Neue Musik, dann haben diese Stimuli auch funktioniert.

Mit den großen Programmen, Netzwerk Neue Musik oder Tanzplan, soll also eine Entwicklung angeschoben werden, die sich verselbständigt?

Hortensia Völckers: Ich denke, dass der größte Mehrwert dieser Projekte darin besteht, neue Kooperationen einzugehen. Das hört sich zunächst banal an, ist es aber nicht. Beim Tanzplan ist es uns gelungen, dass die Sparte Tanz an den Standorten des Tanzplans eine ganz neue Bedeutung bekommen hat und Wertschätzung erfährt. In fast allen Städten, in denen Tanzplan-Projekte stattfanden, gelang eine Fortführung. Die Tanzszene tritt selbstbewusster auf, fordert ihre Rechte ein und hat einen neuen Stellenwert bekommen. Hier konnten wir tatsächlich eine Initialzündung ermöglichen, aus der Weiteres erfolgt.

Alexander Farenholtz: Ähnliches kann aber auch von anderen Projekten berichtet werden. Wenn ich an unser erstes großes Projekt »Shrinking Cities« denke, war zu Beginn der Begriff, schrumpfende Städte, bereits ein Tabu. Es wurde euphemistisch vom Stadtumbau gesprochen. Ehrlich gesagt hatte ich Bedenken vor dem Begriff und habe, wenn ich mich recht erinnere, Frau Völckers davon abgeraten, diesen Begriff zu verwenden. Inzwischen ist das Tabu gebrochen und auch in der breiteren Öffentlichkeit von schrumpfenden Städten die Rede.

Hortensia Völckers: Mit unseren Themen wie »Zukunft der Arbeit«, »Migration«, »Überlebenskunst« oder »Untote« das sind alles Fragestellungen, die ein klares Bekenntnis zu den großen gesamtgesellschaftlichen Themen sind. Wir bearbeiten den künstlerischen Teil oder den kulturellen Aspekt dieser Fragestellungen. Das kann die Politik nicht ersetzen. Kunst soll dies auch nicht. Aber sie kann Antworten ersinnen, wie das Leben in der Zukunft aussehen soll.

Sehen Sie den demografischen Wandel und speziell das wachsende Durchschnittslebensalter in Deutschland auch als eine solche Herausforderung? Naturgemäß wird mit wachsendem Lebensalter eher zurück als nach vorne geschaut. Ist das für Sie ein Thema?

Hortensia Völckers: Natürlich. Und ich würde sagen, es ist ein dramatisch aufregendes Thema, weil sehr viel zur Disposition steht, was wir liebgewonnen haben.

Alexander Farenholtz: Auch die Bedeutung der eigenen Kultur. Irgendwann wird das Geschehen hier längst nicht mehr die Bedeutung haben wie das, was irgendwo in Asien geschieht. Und dieser Verlust an Autorität oder an Kanon ist etwas, mit dem auch kulturell erst einmal umgegangen werden muss. Hortensia Völckers: Ich denke schon, dass wenn wir, wenn Europa, in 50 oder 60 Jahren eine Bedeutung haben wird, dann wird es eine kulturelle sein. Und deswegen ist es wichtig, was heute geschieht, was heute gefördert und entwickelt wird. Ein Zyniker würde prognostizieren, dass wir uns in 50 Jahren als ein Themenpark wiederfinden, um zu zeigen, wie es war. Und da wird die Fabrik zur Autoproduktion nicht reichen, da wird noch Kultur dazukommen müssen. Um ein solches Szenario zu verhindern, bin ich von der Investition in Bildung überzeugt. Bildung, Kulturelle Bildung und Kulturvermittlung, und zwar für alle Generationen, müssten eigentlich der Motor einer Entwicklung sein.

Sie sprachen eben Deutschland im internationalen Kontext an, einer Ihrer Themenpunkte ist die Kultur im internationalen Kontext. Können Sie zu diesem Aspekt einige Ihrer Akzente nennen?

Hortensia Völckers: Wir haben den Auftrag, zeitgenössische Kultur im internationalen Rahmen zu fördern. Dieser Auftrag hat zunächst mit der Kompetenz des Bundes für die internationale Kunst zu tun und nicht mit kosmopolitischen Gedanken. De facto ist gemeint, dass die Spitze gefördert wird, die zumindest eine internationale Bedeutung haben kann.

Alexander Farenholtz: Aber es gab natürlich auch internationale Aktivitäten. Hortensia Völckers: Die gibt es immer noch, aber immer in Abgrenzung zur Arbeit der Mittlerorganisationen. Unser Anliegen ist nicht, deutsche Kunst im Ausland zu präsentieren, sondern eher umgekehrt die Internationalität hier sichtbar zu machen. Ein solcher Austausch basiert immer auf der Zusammenarbeit mit Kollegen in anderen Ländern.

Vielen Dank für das Gespräch.

Hortensia Völckers ist Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes. Alexander Farenholtz ist Verwaltungsdirektor der Kulturstiftung des Bundes. Gabriele Schulz ist Stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Kulturrates

REDAKTION Stefanie Ernst | Hinterlasse einen Kommentar

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