„schneller, besser, billiger!“ – LWL-Freilichtmuseum Hagen zeigt Ausstellung zu Rationalisierungen in Handwerksberufen

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„Ab Sonntag, dem 20.05. zeigt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe  (LWL) in seinem Hagener Freilichtmuseum in der Sonderausstellung „schneller, besser, billiger“, welche Vorschläge und Bemühungen es in Handwerksberufen gegeben hat, die Arbeit zu rationalisieren. Viele Besucher verbinden mit dem LWL-Freilichtmuseum besonders die traditionelle Handarbeit und denken bei Rationalisierung, also dem Bemühen, durch Organisation, Zeit, Geld, Material oder Arbeitskraft zu sparen, vor allem an Industriebetriebe.

Tatsächlich stammt der Begriff Rationalisierung zunächst aus der industriellen Produktion. Doch auch in handwerklichen Berufen gab es seit Beginn des 20. Jahrhunderts Bestrebungen, die Arbeit effektiver zu gestalten, um die Konkurrenzfähigkeit der Betriebe zu sichern. Wichtig war dem Ausstellungsteam, zu zeigen, dass es sich bei „Rationalisierung“ nicht in erster Linie um das Bemühen handelt, möglichst viel Handarbeit durch Maschinenfertigung zu ersetzen, auch wenn diese Diskussion im Handwerk oft leidenschaftlich geführt wurde. Vielmehr erfasste der Gedanke, Arbeits- und Betriebsabläufe zweckmäßiger zu gestalten, viele Produktionsbereiche.

Diese Ideen erhielten ihre Impulse vor allem von arbeits- und betriebswissenschaftlichen Studien aus den USA, die heute vor allem mit dem Namen Frederick Winslow Taylor (1856–1915) verbunden werden. Wie konnte der Einsatz von Energie, Material, Zeit und Arbeitskraft optimiert werden, um den Aufwand zu verringern? Wie ließ sich die Leistung erhöhen, um Betriebe wettbewerbsfähig zu machen? So lauteten die Kernfragen. Als Ingenieur und einer der Begründer der Arbeitswissenschaft hatte Taylor diese Fragen für die industrielle Fertigung gestellt, nun wurde sie auch an handwerkliche Betriebe gerichtet. Von dem in diesem Geist 1919 in Karlsruhe gegründeten „Forschungsinstitut für rationelle Betriebsführung im Handwerk“ gingen damals zahlreiche wichtige Anregungen aus.

Das „Forschungsinstitut“ richtete seine Optimierungsbemühungen auf viele Gebiete, von denen in dieser Ausstellung die wichtigsten Ideen vorgestellt werden. Dazu gehören der Wunsch, Auszubildende unter „rationalen“ Gesichtspunkten auszuwählen oder Überlegungen, wie Werkzeuge und Griffe zweckmäßig gestaltet werden. Dazu stellt der Ausstellungsbereich Werkstattgestaltungen, Arbeitsplatzeinrichtungen und

den Einsatz neuer Maschinen als zentrale Aspekte einer rationellen Betriebsführung vor. Der Maschineneinsatz wird beispielhaft u. a. an der Einführung der Linotype-Zeilengießmaschine und an Bäckereimaschinen gezeigt, während für die modernen Antriebstechniken stellvertretend der Elektromotor steht. Auf ihn wurden Anfang des 20. Jahrhunderts große Hoffnungen gesetzt.

Rationalisierung in kleinen Schritten

Ein Ausstellungsraum widmet sich den „kleinen Helfern“, die die handwerkliche Arbeit erleichterten. Einen weiteren Themenblock bilden Buchführung und interne betriebliche Organisation. Allen Aspekten ist gemein, dass zu ihnen besonders in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren zahlreiche Publikationen und Handreichungen erschienen.

Mit der Auswahl der Beispiele, Maschinen und Werkzeuge, Bildern und Texten möchte das LWL-Freilichtmuseum die Aufmerksamkeit auf diese unterschiedlichen Felder der Rationalisierung lenken. Zugleich zweist die Ausstellung darauf hin, dass sich „Rationalisierung“ im Handwerk eher in kleinen Dimensionen vollzog: das verbesserte Werkzeug, die Ordnung im Werkzeugkasten und die Einrichtung der Werkstatt, zu denen die Handwerker vor Ort selbst eigene Verbesserungen entwickelten, wie an einigen Beispielen zu sehen sein wird.

Arbeitserleichterung und Sorge vor Entmündigung

Die Hinweise und Anleitungen, aus den Forschungsinstituten und die Veröffentlichungen in Zeitschriften waren Idealbilder. Sie waren durchaus mit bestimmten – nicht immer uneigennützigen – Interessen verbunden, zum Beispiel um einen Absatzmarkt für Elektromotoren zu entwickeln. Die Vorschläge für Rationalisierungen trafen auf die wirtschaftliche Realität sehr unterschiedlichster Handwerksbetriebe.  Auch Selbstbewusstsein und Mentalität der einzelnen Handwerker waren entscheidend für die Aufgeschlossenheit gegenüber Veränderungen. So waren die komplizierten wissenschaftlichen Berechnungen im betrieblichen Alltag vielfach nur schwer nachzuvollziehen und gingen an der Zielgruppe und ihren Bedürfnissen oft vorbei. Rationalisierungsansätze traten in Konkurrenz zu Kennerschaft und überlieferten Erfahrungen der Handwerker. „Es ist aufschlussreich zu sehen, welcher Vorschlag in welchem Handwerk auf eine größere Resonanz traf und welche Anregungen weniger bereitwillig aufgenommen wurden. Die Einstellung der von Rationalisierung betroffenen Menschen ist interessant; sie changiert zwischen dem Gefühl der Arbeitserleichterung und der Sorge einer möglichen Entmündigung“, so die Ausstellungsmacherin Dr. Anke Hufschmidt.

Die Ausstellung regt an, über die Mehrdeutigkeit von Rationalisierung nachzudenken. So wie Handwerker, die sich der Frage gegenüber sahen, ob sie viel Geld in eine teure neue Technik investieren oder doch bei den alten, bewährten Verfahren bleiben sollten, können auch die Ausstellungsbesucher an einzelnen Beispielen nachvollziehen, ab wann es sich wirtschaftlich lohnte, von der Hand- auf die Maschinenarbeit umzusteigen. Dazu sind an einigen Stationen in der Ausstellung und im Museumsgelände die Besucher eingeladen, selbst aktiv zu werden. Auch im weitläufigen Mäckingerbachtal finden sich Spuren der Rationalisierung in den Museumswerkstätten.

Die Ausstellung wird großzügig von der LWL-Kulturstiftung gefördert und von einem vielfältigen Begleitprogramm umrahmt.“

REDAKTION Andrea Wenger | Hinterlasse einen Kommentar

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