Fluchtgeschichten

Das neue Buch des Deutschen Auswandererhauses

Mit dem Buch „Fluchgeschichten. Aus und nach Deutschland. Biografien und Hintergründe 1933-2011“ stellt das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven die Ergebnisse eines dreijährigen Forschungsprojektes vor. Zahlreiche Interviews, Begleittexte zur internationalen Flüchtlingsthematik und ausgewählte Biografien liefern interessante Antworten mit universalgeschichtlichem Ansatz. Im heutigen Kurzinterview gibt uns die Projektleiterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums, Karin Heß, einen vertieften Einblick in das Buch sowie das Schaffen des Deutschen Auswandererhauses Bremerhaven.

kulturstimmen: Was genau ist und macht das Deutsche Auswandererhaus?

Karin Heß: Als das Deutsche Auswandererhaus im Jahr 2005 eröffnet wurde, war es das erste Museum in Deutschland, das sich der europäischen Auswanderungsgeschichte widmete. 2007 wurde das Haus als bestes Museum Europas ausgezeichnet und hat inzwischen eine einzigartige Sammlung von Lebensgeschichten deutscher Auswanderer zusammengetragen. Zukünftig erzählen wir auch die Geschichte der Einwanderung nach Deutschland. Dazu sammeln wir seit zwei Jahren Biografien von Einwanderern. Diese neuen Geschichten von Familien, die in den letzten dreihundert Jahren nach Deutschland kamen, präsentieren wir ab dem 22. April 2012 in unserem neuen Erweiterungsbau. Grundsätzlich möchten wir im Deutschen Auswandererhaus zeigen, wie normal Migration in Deutschland ist: Oft braucht man nur zwei oder drei Generationen in einer Familiengeschichte zurückzublicken und man trifft auf den ersten Ein- oder Auswanderer.

kulturstimmen: Welche Idee stand hinter dem dreijährigen Forschungsprojekt, dessen Ergebnisse das Deutsche Auswandererhaus nun in Form des Buches „Fluchtgeschichten“ präsentiert?

Karin Heß: Auch wenn der Fokus der Dauerausstellung in den letzten Jahren auf der historischen Auswanderung aus Deutschland lag, haben wir im Rahmen von Sonderausstellungen, Themenmonaten oder Veranstaltungen immer wieder auch aktuelle Migrationsaspekte aufgegriffen. In der öffentlichen Diskussion um das Thema „Flüchtlinge“ werden häufig sachliche Argumente von einer fast schon hysterischen Stimmung überlagert. Mit unserem Buch möchten wir einen wissenschaftlich fundierten aber zugleich bewegenden Beitrag zu der Debatte leisten und zur konstruktiven Meinungsbildung beitragen. Im Jahr 2010 haben wir die Sonderausstellung »Auf der Flucht. Sieben Lebenswege nach Deutschland 1980 – 2010« gezeigt. Mit dem aktuellen Buch beleuchten wir nun noch mehr Aspekte und geben durch die zusätzlichen Schulmaterialien Anregungen zum Umgang mit dem Thema im Unterricht.

kulturstimmen: Das Werk umfasst neben zahlreichen Begleittexten und Statistiken neun Biografien von Flüchtlingen. Wie sind Sie mit diesen in Kontakt getreten? Wie gestaltete sich die Informationsrecherche?

Karin Heß: Unterstützung bei der Suche nach potentiellen Projektteilnehmern erhielten wir vom Pädagogischen Zentrum Bremerhaven, das sich seit vielen Jahren in der Stadt mit der Aufnahme und Integration von Flüchtlingen befasst. Mit ihrer Unterstützung lernte ich in Bremerhaven lebende Frauen und Männern kennen, die in den letzten 20 Jahren in Deutschland Asyl beantragt hatten. Aus welchem Land sie geflohen waren, ob sie als Flüchtlinge anerkannt worden sind oder welchen Aufenthaltsstatus sie heute haben, war bei der Auswahl der Gesprächspartner kein Entscheidungskriterium. Denn uns ging es nicht um die systematische oder gar statistische Aufarbeitung, sondern um die Frage, wie man heute zu einem »Flüchtling« wird? Was erlebt man? Und wie beeinflusst der bürokratisch festgelegte Status das alltägliche Leben? Für das Projekt konnten wir sieben Personen aus sechs verschiedenen Ländern gewinnen, die bereit waren, uns ihre Geschichten zu erzählen. Das war allerdings nicht selbstverständlich: Die Reaktionen auf unser Projekt reichten von großen Zweifeln an der Bedeutsamkeit der eigenen Lebensgeschichte, über Skepsis, warum sich plötzlich jemand dafür interessiert, bis hin zur Angst, sich an das Erlebte und bereits Verdrängte wieder erinnern zu müssen.

kulturstimmen: Die zentrale Frage der Publikation lautet „Wie prägt die Erfahrung einer Flucht den zukünftigen Lebensweg?“. So individuell diese Frage auch beantwortet werden kann, konnten Sie Gemeinsamkeiten anhand der sieben aktuellen und zwei historischen Biografien feststellen, die für dieses Projekt untersucht wurden?

Karin Heß: Die zwei historischen Biografien im Buch sind jüdische Lebensgeschichten, die zeigen, dass aus Deutschland in jüngster Vergangenheit rund 280.000 Deutsche fliehen mussten. Sie fanden vor allem in Europa, den USA und Palästina Zuflucht. Wir haben festgestellt, dass alle neun Lebenswege – sowohl die aktuellen als auch die historischen – noch Jahre oder gar Jahrzehnte von der Fluchterfahrung geprägt sind, die Flucht also selten in ein normales Leben übergeht. Die Menschen bekommen im Aufnahmeland eine neue Identität zugeschrieben. Sie werden zum Beispiel als Asylsuchende, Flüchtlinge, Geduldete identifiziert. Diese Zuschreibungen haben aber wenig mit ihrer eigenen Identität und mit der Person zu tun, die sie vor der Flucht waren. Die bürokratischen Strukturen prägen und belasten das Alltagsleben der Menschen enorm – wenn beispielsweise die berufliche Ausbildung nicht anerkannt wird und zum Beispiel eine Ärztin als Hausangestellte arbeiten muss. Oder aber wenn man jahrelang überhaupt nicht arbeiten darf und das Gefühl hat, in seiner Rolle als Ehemann und Familienvater versagt zu haben. Diese menschlichen und sehr persönlichen Aspekte kommen in der öffentlichen Debatte viel zu kurz.

kulturstimmen: Ziel des Buches ist es u.a. eine „neue Perspektive“ in der Debatte um den internationalen Flüchtlingsschutz ab 1945 zu eröffnen. Wie sieht diese aus?

Karin Heß: Dass Menschen aus ihrer Heimat fliehen, gehört zur permanenten Realität in einer globalisierten Welt. Die weltweiten Flüchtlingszahlen haben seit 1945 eine neue Dimension erreicht. Heute sind mehr als 40 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Die Ursachen sind Bevölkerungswachstum, Kriege, politische Verfolgung, ethnische Konflikte, Umweltkatastrophen oder Hunger. Die meisten Flüchtlinge stammen aus den ärmsten Ländern der Welt. Gleichzeitig nehmen genau diese Länder auch die meisten Schutzsuchenden auf, und zwar rund 80 Prozent der Flüchtlinge weltweit. Diese Tendenz wird sich in Zukunft fortsetzen. Die aktuellen Ereignisse und Debatten in Deutschland und Europa in einen historischen und globalen Kontext zu stellen sowie die nationale Perspektive zu erweitern und hinter die Zahlen zu blicken – also die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen –, das sind Ziele unseres Buches.

Die Fragen für kulturstimmen stellte Theresa Brüheim, Deutscher Kulturrat.

REDAKTION Stefanie Ernst | Hinterlasse einen Kommentar

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