Herber Wind von vorne Unterausschuss Bürgerschaftliches Engagement des Deutschen Bundestages informiert sich über Phineo – Von Gabriele Schulz

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Wenn dieser Artikel erscheint, ist die Weihnachtsspendenstimmung vorbei, die großen Spendengalas im Fernsehen beendet und für viele kommt das harte Erwachen im Monat Januar, wenn im Portemonnaie besondere Ebbe herrscht. Diejenigen, die im vergangenen Jahr helfen wollten und eine gemeinnützige Organisation finanziell unterstützt haben, werden ihr Geld höchstwahrscheinlich losgeworden sein.

Die allermeisten werden dabei Phineo nicht benötigt haben und die allerwenigsten werden Phineo überhaupt genutzt haben. Phineo, was ist das? Das fragten sich auch die Mitglieder des Unterausschusses Bürgerschaftliches Engagements des Deutschen Bundestages und führten eine öffentliche Anhörung zur „Wirkungsmessung von gemeinnütziger Arbeit“ durch. Was sehr hochtrabend daher kommt, war eine Vorstellung von Phineo durch Bettina Windau, Bertelsmann-Stiftung und Andreas Rickert, Phineo, sowie eine kritische Auseinandersetzung mit Phineo durch Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates.  Schade war, dass das Thema offenkundig mehr Zuhörer interessiert hat als Abgeordnete. Nun ist die letzte Sitzungswoche vor Weihnachten bekanntermaßen besonders termingefüllt, bedauerlich war es aber schon, dass nur wenige Abgeordnete an der öffentlichen Anhörung teilnahmen. Die Wenigen nahmen Andreas Rickert von Phineo aber in die Mangel.  Zu Beginn der Anhörung schilderte Bettina Windau noch einmal den Ausgangspunkt zur Etablierung von Phineo. Sie holte aus, dass sich die Bertelsmann-Stiftung bereits in den 1980er-Jahren für die Verbesserung des Stiftungs- und des Stiftungssteuerrechts eingesetzt hatte und in diesem Zusammenhang die Erfahrung machte, dass viele potenzielle Stifter nicht so recht wissen, wie sie mit ihrer Stiftung wirken können. Ebenso gab es viele potenzielle Spender, die nicht so recht wussten, wohin mit ihrem Geld, da sie die Wirkung der von ihnen bereit gestellten Mittel nicht kontrollieren konnten. Die Bertelsmann-Stiftung setzte sich daher zum Ziel, potenzielle Spender, jetzt soziale Investoren genannt, und gemeinnützige Organisationen zusammenzubringen. Nach vielen Gesprächen und verschiedenen Projekten wurde schließlich Phineo gegründet. Phineo ist eine gemeinnützige Aktiengesellschaft. Hauptgesellschafter sind die Bertelsmann-Stiftung sowie die Deutsche Börse.  Kern der Phineo-Arbeit, die von Andreas Rickert vorgestellt wurde, sind sogenannte Themenreports, in denen ein Thema beleuchtet wird. Bislang sind acht Themenreports erschienen u.a. Demenz, Integration von Migranten, Engagement von Menschen über 55 usw. Die Fragestellungen der Themenreports werden durch Onlinevoting ermittelt. Leider hat keiner der Abgeordneten gefragt, wie viele Menschen sich an diesen Votings überhaupt beteiligen.  Die Themenreports dienen dann dazu, Projekte oder Institutionen auf ihre Wirkung hin zu analysieren. In diesem Zusammenhang stellte Rickert klar, dass Phineo Wirkung nicht misst, sondern analysiert. Die Institutionen müssen sich selbst bewerben und in der ersten Stufe einen Onlinefragebogen ausfüllen. Danach erfolgt eine Wikungsanalyse durch Phineo, die für die untersuchten Organisationen kostenlos ist. Von insgesamt 444 bisher analysierten Projekten wurden 97 empfohlen. Es soll damit ein Beitrag zu mehr Transparenz im gemeinnützigen Sektor geleistet werden, so Andreas Rickert für Phineo.  Olaf Zimmermann war zu der öffentlichen Anhörung nach Worten des Ausschussvorsitzenden, Markus Grübel, MdB (CDU)geladen worden, weil er sich im Rahmen des Bundesnetzwerkes Bürgerschaftlichen Engagement kritisch zu Phineo geäußert hatte. Der Unterausschuss Bürgerschaftliches Engagement des Deutschen Bundestages stellte sich die Frage, warum die Dachverbände der verschiedenen gesellschaftlichen Felder sich nicht an Phineo beteiligen. Zimmermann unterstrich, dass gegen Transparenz überhaupt nichts einzuwenden ist. Im Gegenteil, gerade gemeinnützige Organisationen, die steuerlich privilegiert sind, sollten ein besonderes Augenmerk auf Transparenz richten. Auch gibt es mit dem Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), gerade was Spenden betrifft, ein seit Jahren eingeführtes Qualitätssigel, bei dem sehr strenge Maßstäbe an Organisationen gelegt werden, die sich um Spenden bemühen.  Zimmermann nahm Bezug auf den Geschäftsbericht der Phineo AG und zitierte daraus, dass ein Ziel der Phineo-Arbeit ein Haltungswechsel der Zivilgesellschaft sei. Sie soll wirkungsorientierter arbeiten. Genau das ist aber etwas anderes als die Information von potenziellen sozialen Investoren, vulgo Spendern. Phineo beabsichtigt offenkundig die Zivilgesellschaft zu verändern und vergisst dabei, dass zivilgesellschaftliche Akteure eben keine Lückenbüßer für den Markt oder den Staat sind, sondern einer eigenen Logik folgen. Sie stehen teilweise gerade in Opposition zu Staat und Wirtschaft. Sie wirken dabei, doch steht nicht die Wirkung im Vordergrund, sondern das gesellschaftliche Engagement.  In diese Kerbe schlugen dann auch die Abgeordneten des Unterausschusses Bürgerschaftliches Engagement mit ihren Fragen. Vorausgeschickt werden muss, dass die Mehrzahl der Mitglieder dieses Ausschusses selbst auf eine lange Karriere in den unterschiedlichsten gemeinnützigen Organisationen zurückblicken kann und daher über reichlich Erfahrungen in der Praxis verfügt. Und diese Praxis wehte den Vertretern von Phineo herbe ins Gesicht. So insistierte Ute Kumpf, MdB (SPD), Stellvertretende Vorsitzende des Unterausschusses Bürgerschaftliches Engagement, mit ihren Fragen, warum ein Projekt in Stuttgart von Phineo im Themenreport 55 + empfohlen wird, obwohl gerade dieses Projekt bekanntermaßen eben keine gesellschaftliche Wirkung entfaltet. Sie unterstrich, dass gerade die vor Ort aktiven zivilgesellschaftlichen Organisationen doch zumeist keine anonymen Spender suchen, sondern im Gegenteil in örtlichen und regionalen Netzwerken verortet sind. Hier kennt man ihre Arbeit und weiß auch die Wirkung einzuschätzen. Britta Hasselmann, MdB (Bündnis 90/ Die Grünen), unterstrich die Ausführungen von Zimmermann, dass es zivilgesellschaftliche Organisationen eine Eigenlogik und einen Eigenwert haben, die es besonders zu schützen gilt. Norbert Geis, MdB (CDU), stellte die schlichte Frage, welche Werte hinter der Wirkungsanalyse stehen. Und Gerold Reichenbach, MdB (SPD), selbst seit 1976 in der Katastrophenhilfe in der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW) tätig, fragte nach Sinn und Zweck der Allgemeinplätze im Ratgeber Katastrophenhilfe von Phineo.  Was war nun der Ertrag dieser Anhörung? Zuerst einmal waren die Antworten der Phineo-Verantwortlichen auf die teils sehr präzisen Fragen der Abgeordneten sehr dünn. Zum anderen brachte Ute Kumpf, MdB, mit ihrem Schlussstatement den Kern zivilgesellschaftlichen Engagements auf den Punkt. Sie appellierte darin an das Herzblut, das für bürgerschaftliches Engagement erforderlich ist. Ohne Herzblut, ohne Eigensinn und ohne Eigenständigkeit verlieren zivilgesellschaftliche Organisationen ihre Besonderheit. Diese Besonderheit zu schützen und zu fördern, ist eines der Ziele der Engagementpolitik. Dass diese Einstellung Äonen vom Messen, Zählen und Wiegen von Phineo und der angestrebten Haltungsänderung der Zivilgesellschaft entfernt ist, war offensichtlich. Phineo wehte ein harter Wind entgegen.

Die Verfasserin ist Stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Kulturrates Phineo war Thema in puk 3/2011, unter dem Titel „Viel Lärm um Nichts?“ stellte Andreas Rickert Phineo vor. Er antwortete damit auf den Beitrag von Olaf Zimmermann „Viel Wind um fast nichts“ aus puk 6/2010.

REDAKTION Stefanie Ernst | 1 Kommentar
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