Lesefutter: Literatur auf der Tüte

Vom 7. November bis zum Weihnachtsfest 2012 warb das Theater Oberhausen in über 50 Geschäften der Stadt für den Spielplan 2011/12. Doch die Werbung war nicht auf Plakaten oder Handzetteln zusehen, sie erregte auf 80.000 Papiertüten das Interesse der Oberhausener. Das besondere: fünf Theaterstücke wurden in kurzen Auszügen auf den Papiertüten vorgestellt. Gestaltet wurde die Kampagne von Lesefutter. Im heutigen Kurzinterview gibt Frank Riepe, Geschäftsführer von Lesefutter, einen Einblick in die Arbeit der Werbeagentur zwischen Wirtschaft und Kultur.

kulturstimmen: Was genau ist Lesefutter?

Frank Riepe: Lesefutter ist eine Agentur für Werbung und Literatur. Lesefutter kombiniert Werbekampagnen (i.d.R. auf Tüten) mit der Veröffentlichung von literarischen Kurztexten. Entstanden ist Lesefutter aus einem Kreis Bielefelder Autoren, die neue Publikationsformen für ihre Texte suchten. Bei konsequenter Suche kommt man schnell auf des Thema Tüte. Auf Tüten ist Platz, sie erscheinen in großen Mengen und werden von vielen Menschen wahrgenommen. Über die Frage der Finanzierung kam dann die Werbung dazu.

Heute ist Lesefutter eine Agentur, die Wirtschaft und Kultur in besonderer Weise miteinander in Beziehung setzt. Die Leidenschaft für Literatur und Kultur wird ergänzt um weitreichende Kompetenzen aus Wirtschaft und Kommunikation.

Werbekampagnen auf Tüten werden durch gezielt ausgewählte Kurzgeschichten oder Gedichte begleitet. Dies erhöht die Aufmerksamkeit auf die Kampagnen. Umgekehrt werden die literarischen Texte in hohen Auflagen gedruckt und aktiv Menschen ausgehändigt.
Die Autoren erhalten ein Honorar. Neben dem Text erscheint eine Kurzbio. Text und Bio werden unter lesefutter.org dokumentiert.

Neben Tütenkampagnen vermitteln wir Autoren für Lesungen in Business-Zusammenhängen und literarische Texte für online und Print-Kampagnen oder Kunden- und Mitarbeitermagazine. Aktuell läuft z.B. für die Stuttgarter Straßenbahnen ein Lesefutter-Fortsetzungskrimi des Kölner Autors Rich Schwab.

kulturstimmen: Welche Idee steht hinter der Werbung mit der sogenannten „Lesefutter-Tüte“?

Frank Riepe: Die Idee ist, Werbung einmal anders zu denken. Werbung muss ja nicht immer laut und aufdringlich sein.  Der Konsument/Verbraucher geht zunehmend kritischer mit Werbung um. Wir bringen Bewegung in das übliche Kommunikationsmuster. Mit der Lesefutter-Tüte z. B. erhält der Adressat zunächst etwas, einen schönen Text, einen Moment Entspannung, Freude. Und zwar egal wie die Kommunikation dann weiter läuft. Der Werbende tritt in Vorleistung, in dem er dem Kunden etwas schenkt.

kulturstimmen: Bereits vor sieben Jahren entwickelte Lesefutter die Idee der Werbung für verschiedene Kulturformate auf Einkaufstüten. Was hat sich seitdem verändert?

Frank Riepe: Zunächst einmal, dass Lesefutter nicht nur für Kulturinstitutionen arbeitet. Wir sind für gewerbliche Auftraggeber tätig, genauso wie für nonprofit-Organisationen, karitative Einrichtungen und Kulturinstitutionen.
In unserer Arbeit für Theater ist die wesentliche Entwicklung die Arbeit mit Auszügen aus Theaterstücken. Das Theater stellt dem Publikum eines seiner wichtigsten Materialien, den Text, vor. In einer Kampagne präsentieren wir 4 – 5 Stückauszüge. Im nächsten Schritt kann das Theater den durch uns aufgebauten Kontakt zu den teilnehmenden Geschäften nutzen, um in Lesungen etc. die Stücke weiter zu präsentieren. Zusätzlich sind das tolle Ansätze für begleitende PR.
Entwickelt haben wir dies gemeinsam mit dem Landestheater Detmold. Die aktuelle Umsetzung dieses Prinzips für das Theater Oberhausen und die Energieversorgung Oberhausen (evo) basiert auf einer spannenden Kooperation zwischen kommunalem Unternehmen und Theater.

In der Arbeit für Orchester und Museen hat sich die thematische Literatur-Auswahl bewährt. Wir wählen gemeinsam mit den Auftraggebern Stichworte für die Autoren aus, die die Themen der Ausstellungen oder der Konzertreihen widerspiegeln. So entsteht eine enge Verzahnung von Text, Kampagne und beworbener kultureller Dienstleistung.

kulturstimmen: Wie gelingt Lesefutter der Brückenschlag zwischen erfolgreicher Werbestrategie und kultiviertem Umgang mit Literatur?

Frank Riepe: In dem wir die Ebenen sorgfältig mit einander verzahnen und jeden Partner ernst nehmen. Die Werbekampagne funktioniert über die kompetente Umsetzung der verschiedenen Parameter: präzise regionale Platzierung, solider Kontakt zu den Teilnehmergeschäften, Beratung des Kunden, Druckqualität. Den ,kultivierten’ Umgang mit Literatur stellt ein eigenes sorgfältiges Lektorat, hoher Anspruch an die Qualität der Texte und die möglichst optimale Auswahl der Texte sicher.

Ich finde auch den Aspekt der Begegnung von Literatur und Werbung bzw. Wirtschaft und Kultur schön. Die Diskussionen, die entstehen, wenn wir mit Mitarbeitern in Unternehmen über  Literatur sprechen. Das passiert ganz ohne den großen Rahmen, in dem Begegnungen zwischen Wirtschaft und Kultur sonst geschehen. Ganz einfach am Telefon oder im meeting. Mir gefällt so etwas. Das sind kleine Inseln. Das Spannende dabei ist, dass es am Ende in beide Richtungen funktionieren und überzeugen muss. Diese Verbindung von Kultur und Wirtschaft ist nicht jedermanns Sache, ich weiß. Aber Kultur hat eben viele Facetten. Und wir spielen eine davon.

kulturstimmen: Welche Bedeutung haben die Lesefutter-Kampagnen für die Kultur in einer Stadt?

Frank Riepe: Für die Kultur einer Stadt haben sie die Bedeutung, die die auftraggebende Kultur-Institution hat. Regional funktioniert die ,Lesefutter-Tüte’ als bezahlbares, leistungsfähiges Kommunikationsmedium. So gaben vor einiger Zeit in einer Befragung des Freilichtmuseum Kommern 8% der Besucher eines Museumswochenendes an, über die Tütenwerbung von der Veranstaltung erfahren zu haben.

Regional wichtig ist auch die Präsentation regionaler Autoren innerhalb einzelner Kampagnen. So zeigen wir ganz direkt, vor Ort Autoren aus einer Stadt oder Region.
Die Texte auf der Lesefutter-Tüte werden honoriert. Insofern leistet Lesefutter auch einen Beitrag zum materiellen Einkommen von Autoren. Autoren zählen zu den am schlechtesten bezahlten Künstlern. Da ist das ein nicht unwichtiger Aspekt.

Überregional besteht die Bedeutung in der Platzierung von Literatur im Alltag. In den letzten Jahren immerhin auf weit über 12 Mio. Tüten. Rechnet man einen Faktor von 2, d.h. 2 Menschen beschäftigen sich mit einer Tüte, kommen wir auf über 20 Mio. Begegnungen mit Literatur. Das finde ich ganz prima.

Die Fragen für kulturstimmen stellte Theresa Brüheim, Deutscher Kulturrat.

REDAKTION Stefanie Ernst | 2 Kommentare
  1. 1 | wolfgang schwab

    Hallo Herr Riepe,
    zuvor eine Frage ? zahlen Sie Rundfunkgebühren,?
    und wenn ja, glauben Sie,
    daß ARD/ZDF unser Geld wert sind ?

    Zur Sache:
    Zusammen mit einem Journalisten habe ich das Buch mit dem Titel

    “ARD/ZDF unbd u n s e r Geld “(zweitauflage) geschrieben auch im hinblick auf die
    neue rundfunkbeitragsregelung die ab 01,.01.2013 in kraft tritt.
    Das buch berichtet über ungerechtigkeiten, ungereimtheiten, und privilegien
    im zusammenhang mit unseren rundfunkgebühren, nennt die höhe der intendatengehälter ( 300.000 Euro jährl.) kritisiert kochprogramme, die
    keiner nachkocht u.s.w. Das buch ist derzeit in korrektur und wird, wenn alles klappt, anfang september auf dem markt sein. Es wäre der reine wahnsinn, wenn beispielsweise die intendatengehälter der ö.r. rundfunkanstalten auf
    einkaufstüten zu lesen wäre. Natürlich wäre das auch werbung für das buch, aber das wäre zunächst zweitrangig.

    grüße aus bad kreuznach

    wolfgang schwab
    rückmeldung bitte per e-mail wwwoschwa@aol.com

  2. 2 | wolfgang schwab

    nachtrag zur e-mail wolfgang schwab ard/zdf buch
    bei interesse können sie mich noch bis 16.00 tel. erreichen
    tel,nr. 0671/07050554.

    ein schönes wochenende

    w. schwab

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