366+1 Konzerte im Jahr der Kirchenmusik

© EKDkultur / Andreas Schoelzel

Das Jahr 2012 ist im Rahmen der Lutherdekade dem Thema Reformation und Musik gewidmet. In diesem Sinne erklingt an jedem der 366 Tage des Schaltjahres ein Konzert, ein musikalischer Gottesdienst oder eine Soiree in einer offenen Kirche in Deutschland. In der Osternacht findet ein zusätzliches Konzert statt. „366+1 – Kirche klingt“ ist ein im Dominoprinzip verbundenes Band der Kirchenmusik, das sich seit dem 1. Januar 2012 durch die Bundesrepublik zieht. Im heutigen Kurzinterview blickt Klaus-Martin Bresgott, Verantwortlicher für Konzeption und Organisation des Projektes, auf den Start der Konzertreihe zurück und gibt einen Ausblick auf deren Fortlaufen.

kulturstimmen: Welche Idee steht hinter der Konzertreihe „366+1, Kirche klingt 2012“?

Klaus-Martin Bresgott: Die Idee ergab sich ursprünglich aus der eigenen Praxis: Jahrelang war ich als freiberuflicher Musiker bundesweit unterwegs und stellte fest, dass es überall agile Kirchenmusiker und dies- und jenseits der Kirchenmauern eine ermutigende kirchenmusikalisch aktive Szene gibt – aber alle wissen nur bedingt voneinander. Jeder ackert auf dem eigenem Feld. Ein gegenseitiges Zuhören oder eine thematische Zusammenarbeit findet außerhalb der kirchlichen Hochfeste wie Ostern und Weihnachten kaum statt. Mit „366 + 1, Kirche klingt 2012“ sollte die Möglichkeit geschaffen werden, unter einer gemeinsamen Idee gemeinsam zu musizieren und durch den Stafettencharakter nicht nur voneinander zu wissen, sondern auch miteinander zu agieren. Das haben wir sowohl durch das thematische Leit-Lied, das über jeder Woche steht, als auch durch die Chronik, ein alle Konzerte begleitendes Buch, so angelegt: als Veranstalter bin ich entweder bei meinem Vorgänger zu Gast, um dort die Chronik abzuholen – oder ich trage die Chronik weiter zu meinem Nachfolger und kann jeweils erleben, wie die gemeinsame Idee umgesetzt wird.

kulturstimmen: Am Sonntag, den 1. Januar 2012 war im Gottesdienst der St. Anna Kirche in Augsburg die Kantate „Nun danket alle Gott“ von J.S. Bach zu hören. Wie beurteilen Sie die Eröffnung der bundesweiten Konzertreihe?

Klaus-Martin Bresgott: Die Eröffnung in Augsburg war ein leuchtender und vielversprechender Beginn des Projektes „366+1, Kirche klingt 2012“. Zum einen haben mit dem bayrischen Landesbischof a.D. Dr. Johannes Friedrich und dem Augsburger Bürgermeister Hermann Weber die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Zivilgesellschaft in kultureller Verbundenheit eine gemeinsame Einladung an alle ausgesprochen, im Rahmen der Lutherdekade den Herzschlag der Reformation – die Musik – in diesem Jahr besonders wahr zu nehmen und sich von ihrer Kraft bewegen zu lassen. Dass dies in dieser Form möglich ist, verdanken wir der Unterstützung des Staatsministers für Kultur und Medien, Bernd Neumann, sowie den verantwortlichen Stellen im Kirchenamt der EKD. Zum anderen kam die Kirchenmusik selbst zum Zuge, wie sie authentischer nicht sein kann: mit Johann Sebastian Bach und einer programmatischen Kantate, deren kraftvoll federnde, harmonisch zündende Kraft so inspirierend in den Neujahrsmorgen klang, dass ich allen Mitwirkenden um Kirchenmusikdirektor Michael Nonnenmacher und der den Text der Kantate offensiv auslegenden Stadtdekanin Susanne Kasch noch einmal herzlich Dank sage.

kulturstimmen: Nach welchen Kriterien erfolgte die Auswahl der Kirchen und Musiker?

Klaus-Martin Bresgott: Die Auswahl der Kirchen und der Musiker lag schlussendlich in der Hand der Musizierenden vor Ort. Um nicht nur virtuell bis in die Dorfgemeinden hinein vernetzt zu sein, haben sich in der Vorbereitung 52 sogenannte Wochenmanager gefunden, die jeweils eine Woche in ihrer Region unter ihre Fittiche genommen haben, um eine jeweils vielfarbige Woche mit unterschiedlichen Konzert- und Gottesdienstangeboten zu gestalten. In dieser Konstellation ist eine gemeinsame Auswahl erfolgt. Wichtig war uns, ein breites und authentisches Spektrum der Kirchenmusik aufzuzeigen – neben professionellen Ensembles Bläserchöre kleiner Dorfkirchen, neben dem Jugendchor einer Großstadt der Organist einer Landgemeinde. Unterstützend haben wir hierfür den Kanon der Leit-Lieder entwickelt – Lieder und Choräle aus der Zeit der Reformation bis heute, dem Beitrag der Komponisten – der klingenden Boten der Reformation. Dafür ist in Kooperation mit dem Bärenreiter Verlag „Frau Musica spricht … Chorbuch Reformation“  entstanden, für das bundesweit Komponisten angefragt wurden, um dem Projekt ein innovatives Chorbuch an die Hand geben zu können, das die Vernetzung durch das gemeinsame Nutzen reformatorischen Liedgutes im neuen musikalischen Gewand beflügeln soll. Die parallel bei der Edition chrismon erschienene CD „Boten“  lädt zu einem klingenden Einblick in den Stammbaum geistlicher Chormusik von Johann Walter über Johann Sebastian Bach und Johannes Brahms bis Hugo Distler.

kulturstimmen: Wie schätzen Sie die Kraft von Musik ein, nicht kirchlich sozialisierte Menschen zum Gang zum Gottesdienst zu bewegen?

Klaus-Martin Bresgott: Auch ein Konzert mit geistlicher Musik gleicht einem Gottesdienst. Auch ein Konzert spricht durch die Auswahl seiner Musik und der darin verwebten Texte eine Sprache, deren Kontext seine Spuren hinterlässt. Insofern wirkt die spirituelle Kraft der Musik in diesem Zusammenhang doppelt. Die vertonten Texte finden über die Musik einen eigenen Zugang zu den Hörern – zu den einen als Wort Gottes, zu den anderen als Phänomen, als Lichtstrahl des Übersinnlichen, dessen Bedeutung jeder für sich erahnen und zu übersetzen vermag. Mich macht Musik auf eine elementare und dabei sehr lebendige Art und Weise fromm. Sie schafft es ohne missionarischen Impetus. Ich denke, dass diese schöpferische Freiheit, die der Musik innewohnt, viele Menschen – auch nicht kirchlich sozialisierte – anrührt und bewegt und sie darüber den Weg in die Konzerte und vielleicht auch einmal in die Gottesdienste finden.

kulturstimmen: Was wird Ihr persönlicher Höhepunkt der musikalischen Reihe?

Klaus-Martin Bresgott: Der Höhepunkt von „366+1, Kirche klingt 2012“ besteht für mich im Grunde in der Gemeinsamkeit des Musizierens unter den unterschiedlichsten Voraussetzungen: mit den verschiedensten Ensembles und den weit gefächerten Stilen und Genres zugunsten einer gemeinsamen Idee und im fröhlichen Wetteifern um die verschiedensten lebendigen Fassungen der jeweiligen Leit-Lieder der Woche. Außerdem freue ich mich auf etliche Höhepunkte um das Projekt herum – etwa auf die Tagung „Der Protestantismus und die Musik“ vom 20.-22.01.2012 in Wittenberg oder das große Chorfest „Dreiklang“ vom 24.-26.08.2012 in Greifswald.

kulturstimmen: Was geschieht nach Beendigung des Projektes mit der
Chronik?

Klaus-Martin Bresgott: Der primäre Wert der Chronik liegt in ihrem kommunikativen Kontext. Im Jahreslauf sichert sie den Domino-Effekt – die tatsächliche Berührung der Mitwirkenden untereinander, deren Wert jedwede virtuelle Wirklichkeit übersteigt. Am Ende des Jahres werden alle Mitwirkenden von “366+1, Kirche klingt 2012″ die gesamte Chronik als Bilddatei erhalten – damit besteht die unmittelbare Möglichkeit, untereinander Anteil zu nehmen. Die Chronik selbst ist Zeugnis einer tatsächlichen, allwöchentlich klingenden Gemeinschaft. Sie ist lebendiges Dokument eines gelingenden Projektes. Der Ort ihres Verbleibs am Ende des Projektes wird im Gesamtkontext der Lutherdekade diskutiert.

Die Fragen für kulturstimmen stellte Theresa Brüheim, Deutscher Kulturrat.

REDAKTION Stefanie Ernst | Hinterlasse einen Kommentar

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