IndieKultur im Kurzinterview!

IndieKultur ist ein junger gemeinnütziger Verein mit dem Ziel kulturinteressierte Menschen zusammenzubringen, kulturelle Szenegrenzen aufzubrechen und branchenübergreifend Unterstützung für Kulturgestalter zu bieten. Im heutigen Kurzinterview gibt Marcel Belledin, Projektverantwortlicher von IndieKultur, einen Einblick in Idee und Funktionsweise des Vereins.

kulturstimmen: Was ist genau IndieKultur?

Marcel Belledin: Die Webseite wird ein „Veranstaltungskalender, Netzwerk und Forum in einem“. Als passende Bezeichnung hat sich das Wort „Bewegung“ angeboten, da es ein Ziel der Seite ist, die Zeit die man online verbringt so kurz wie nötig zu halten, um Menschen insbesondere offline zu treffen, mit denen man sich austauschen möchte.

Wir sehen die Plattform als Werkzeugkoffer für Gestalter – und dabei fassen wir den Begriff „Gestalter“ sehr weit. Wir wollen Leute mit Interesse  u.a. an Musik, Film, Theater, Literatur, Kunst sprich Lebenskultur unterstützen und zusammenbringen.

Dafür haben wir Tools, die Menschen über die Szenengrenzen hinaus finden lässt, die einander sonst nicht begegnet wären – sich aber gerne gefunden hätten.

Konkret:

- Es gibt Funktionen die auch ein Veranstaltungskalender besitzt. Ein Unterschied zu bisherigen Seiten ist aber, dass der Ort eine wichtigere Stellung bei der Suche einnimmt, als die Kategorie.

- Wer sich auf der Seite anmeldet, kann Fragen beantworten, aus denen sich ein Wert errechnet, der etwas über die Nachhaltigkeit seines sozialkulturellen Verhaltens aussagt. Diese Zahl dient als Orientierung im Netzwerk und hat eine andere Aussage als die Anzahl der Follower/Freunde auf anderen Seiten.

kulturstimmen: Welche Idee steht hinter IndieKultur?

Belledin: Die Internet-Plattform will nicht alles was bisher im Netz funktioniert anders machen, sondern die Bedeutung der Funktionen in den Vordergrund rücken. Dabei verbindet sie sehr unterschiedliche Elemente, die für viele erst einmal keinen Zusammenhang ergeben. Z.B. aus der Wirtschaft, der Vielfalt der Lebensmodelle der Kulturgestalter aber auch den Wandel in eine, im ökologischen und sozialen Sinne, nachhaltige Kulturgesellschaft.

Die Seite ist wie gesagt ein Werkzeugkoffer mit verschiedenen Tools, aus denen der Nutzer seine Auswahl trifft, um das zu tun, was ihm wichtig ist und die Welt so gestalten kann, wie er es für richtig hält. Grundsätzlich vereint aber alle Gestalter, die Orientierung an einem offenen Umgang miteinander über die kulturellen Szenengrenzen hinaus.

Es gibt noch eine Idee, die von besonderer Bedeutung ist: Jeder Nutzer kann die Zeit, die er für den sozialkulturellen Austausch aufbringt auf der Seite notieren. In der Summe bietet dieser Wert eine bessere Orientierung, als derzeitige Modelle: Beim Bruttoinlandsprodukt, der Sicht der Wirtschaft auf die Leistung des Menschen, wird z.B. erst jetzt die Bedeutung der Zielsetzung und den sich daraus ergebenden Folgen klar…

kulturstimmen: Wie unterscheidet sich IndieKultur von anderen Social-Communities mit kulturellem Anspruch?

Belledin: Ich glaube, dass ein Unterschied darin liegt, dass wir den Begriff „Kultur“ nicht als Kampfbegriff nutzen wollen, um damit andere auszugrenzen. Carsten Stahmer hat zum 9. Weimarer Kolloquium einen spannenden Aufsatz (Kulturelle Nachhaltigkeit) geschrieben, wo er auch auf die Schattenseiten des Begriffes eingeht. Bei uns wird es eine Kategorie „Gesellschaft“ geben, wo sich jeder angesprochen fühlen kann.

Um im Konkreten zu bleiben würde ich sagen, dass wir großen Wert auf die Benutzerführung legen. Wir wollen die Seite nicht visuell überfrachten. Die Seite soll dem Nutzer schrittweise die Vielzahl der Funktionen näher bringen. Schon auf der Startseite werde ich z.B. bei vielen Social-Communities durch die visuellen Reize überfordert.

kulturstimmen: IndieKultur plant ab 2012 die Finanzierung durch Crowdfunding. Was ist Crowdfunding und in welchem Zusammenhang steht dies zum Konzept von IndieKultur?

Belledin: Crowdfunding bedeutet, dass man ein Projekt durch viele kleine Spenden finanzieren lassen will. Im Gegensatz zur Finanzierung über die freie Wirtschaft ergeben sich dadurch einige Vorteile. Wir wollen nicht nur die Unabhängigkeit der Nutzer, sondern auch die Unabhängigkeit der Seite selbst („Indie“ hat auch die Bedeutung „unabhängig“) von den marktüblichen Zwängen.

Da Aufbau und Erhalt der Seite aber mit Kosten verbunden sind, arbeiten wir gerade an verschiedenen Finanzierungsmodellen. Eines davon ist im nächsten Jahr die Crowdfunding-Kampagne, bei der wir nicht nur Unterstützergelder suchen, sondern gleichzeitig auf die Seite aufmerksam machen.

Im Grunde stehen wir dadurch aber wieder in der Abhängigkeit anderer marktüblicher Zwänge. Die Sache mit der Unabhängigkeit ist daher nicht so einfach.

Grundsätzlich sind wir schon jetzt für jede finanzielle Hilfe offen und als gemeinnütziger Verein berechtigt eine Zuwendungsbestätigung auszustellen. Woran wir gerade arbeiten ist die Vertrauensbasis in das Projekt.

kulturstimmen: Auf Ihrer Webseite beschreiben Sie IndieKultur als Glied in einer Kette des Wandels der heutigen Gesellschaft in eine Kulturgesellschaft. Wie sieht diese idealtypischerweise für Sie aus?

Belledin: Eine Gesellschaft, die sich sowohl sozial als auch ökonomisch und ökologisch unter nachhaltigen Gesichtspunkten orientiert. In diesen Punkten sind wir erst am Anfang einer großen Transformation in der Gesellschaft. Es genügt nicht, dass Institutionen, Unternehmen und die Politik darüber reden diese Ziele irgendwann umsetzen zu wollen, sondern wir können schon heute versuchen nach diesen Zielen zu leben.

Noch wird dies nicht in allen Punkten gelingen. Auf der Seite planen wir aber auch Funktionen, die die Gestalter darin unterstützen, z.B. sich auch in finanzieller Sicht eine Unabhängigkeit aufbauen zu können.

Wenn ich von Szenengrenzen gesprochen habe, meine ich damit auch die Sprachgrenzen. Jede Szene in der wir uns befinden, sei es beruflich oder privat, hat ihre sprachlichen Codes, die ab- bzw. eingrenzen. Nur wer diese Codes versteht und spricht, wird in die Szene aufgenommen.

Für mich würde sich eine idealtypische Gesellschaft nicht dadurch kennzeichnen, dass alle die gleiche Sprache sprechen – obwohl ich die Idee von Esperanto sehr reizvoll finde – sondern dass wir irgendwann eine von Vorurteilen befreite Kommunikation führen können.

Marcel Belledin, geboren in Freiburg, ist Autor und Filmemacher. Er hat seit über 10 Jahren diverse Filmprojekte verwirklicht und begibt sich gerade auf den Weg den kulturellen Austausch über die Szenengrenzen zu fördern. Belledin ist der Ansprechpartner für das Projekt.


Die Fragen für kulturstimmen stellte Theresa Brüheim, Deutscher Kulturrat.

REDAKTION Stefanie Ernst | Hinterlasse einen Kommentar

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