Crowdfunding als Ergänzung der Kulturförderung – Wie kleine Projekte schon heute alternativ finanziert werden • Von Denis Bartelt

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Crowdfunding ist ein junges Phänomen im Internet, welches seit Sommer 2010 auch in Deutschland an Relevanz gewinnt. Übersetzt mit „Schwarmfinanzierung“, zeigt sich dessen Potenzial bereits in der Begrifflichkeit: Viele Nutzer des Internets finanzieren in kleinen Beträgen gemeinsam eine Sache.

Im September 2010 ist mit startnext. de die erste deutsche Plattform gestartet, die Kreativen, Künstlern und Erfindern die Projektfinanzierung über die Internet-Community ermöglicht. In kurzer Folge starteten weitere Plattformen, wie mysherpas. com, inkubato.com und pling.de, die ebenfalls kreative Projekte fördern, teilweise aber auch soziale Projekte mit einbeziehen. Eine erste Bilanz nach genau einem Jahr Crowdfunding in Deutschland lässt einen positiven Ausblick zu. Es wurden ca. 160 Projekte mit insgesamt rund 450.000 Euro durch private Unterstützer über die Plattformen erfolgreich finanziert.

Was passiert beim Crowdfunding?

Der Projektinitiator beschreibt sein Vorhaben emotional, multimedial und nachvollziehbar auf einer Crowdfunding- Plattform. Dies ist kostenlos möglich. Für das Projekt definiert er einen Finanzbedarf, einen Zeitraum, in dem das Geld gesammelt werden soll, sowie Gegenleistungen, die sogenannten „Dankeschöns“. Zusätzlich verknüpft er sein Projekt mit sozialen Netzwerken, denn nach der Darstellung des Projektes beginnt die eigentliche Crowdfunding-Aktion. Es muss kommuniziert werden, auf allen zur Verfügung stehenden Kanälen.

Anders als bei der öffentlichen Kulturförderung, wo Fördertöpfe vorhanden sein müssen und Anträge zu formulieren sind, ist der Projektinitiator beim Crowdfunding auf sein persönliches Netzwerk angewiesen. Wer bereits im Internet oder auch auf klassischen Wegen auf viele Kontakte zurückgreifen kann, ist klar im Vorteil. Zunächst wird der engste Bekannten und Freundeskreis angesprochen und von der Projektidee überzeugt. Die engen Freunde sind ein Schlüssel zum Erfolg und nicht zuletzt auch Ratgeber und wichtige Kritiker. Freunde, die vom Projekt begeistert sind, reden darüber. Wer unterstützt hat, lässt es andere wissen und so verbreiten sich die Projekt-Idee und ihr Bedarf. Auf den Plattformen werden diese Prozesse durch Fanwerden-Funktionen, Pinnwände und permanente Projekt-Updates unterstützt, Mechanismen, die in sozialen Netzwerken bereits etabliert sind.

Kann Social Media ganz konkret für Kultur und Kulturförderung nützlich sein?

Eindeutig. Besser noch, es kann zur nachhaltigen Quelle des Schaffens einzelner oder kleiner Teams in der Kreativwirtschaft werden, weil mit der Fanschar eines erfolgreichen Projektes auch ein zweites Folgeprojekt bereits auf einen validen Kreis privater Förderer zurückgreifen kann.

Warum finanziert die Crowd ein Projekt?

Es gibt dafür mehrere Anhaltspunkte: 1. man kennt den Initiator, 2. man ist fasziniert von der Projektidee, 3. Man kann sich durch finanzielles Engagement in das Projekt einbringen, 4. man möchte sich als Kulturförderer online wie offline zeigen (Stichwort: Reputation), 5. man hat eine Gegenleistung gefunden, die einzigartig ist, die man unbedingt besitzen möchte.

Es zeigt sich, dass die Motivation privat zu fördern vor allem durch neue Mechanismen der Internet- Technologie, insbesondere derer von Sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Transparenz, Vernetzung und dem Aufbau von Online-Reputation, ableiten lässt.

Ist dies zugleich eine Grundlage dafür, staatliche Förderung weiter zurückzufahren?

Nein, denn mit Crowdfunding können derzeit vor allem nur kleine und Nischenprojekte zwischen 5.000-10.000 Euro finanziert werden. Dazu kommt, dass der Initiator selbst über ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit verfügen muss. Es war bislang nicht notwendig, sein Schaffen schon im Vorfeld seiner Zielgruppe schmackhaft machen zu müssen. Gleichwohl bedeutet genau dieser Aspekt die große Chance für beide Seiten, denn der Kreativprozess war in vielen Fällen bisher nicht sichtbarer Teil des Endergebnisses. Mit Crowdfunding und den involvierten Fans und Unterstützern, verlagert sich der Kulturkonsum in die Phase des Entstehens.

Sind größere Budgets und Projekte denkbar?

Möglich werden größere Budgets auch dann, wenn Mäzene und Unternehmen beim Crowdfunding einsteigen. Startnext hat als erste Plattform entsprechende Module und die sogenannte „Page“ für Unternehmen eingeführt. Erstmalig kann das Kulturengagement eines Unternehmens und seiner Belegschaft sichtbar gemacht werden. Regionale Förderung bekommt so eine ganz neue Chance. Unternehmen sind in Zeiten von Social Media auf nachhaltige Kommunikation in den Netzwerken angewiesen. Kulturförderung eignet sich hervorragend dazu, mit der Zielgruppe zu kommunizieren.

Eine wichtige Grundlage und ein Sicherheitsaspekt beim Crowdfunding ist das Alles-oder Nichts-Prinzip. Es sichert den Unterstützern zu, dass transferierte Gelder an den Projektinitiator nur ausgeschüttet werden, wenn der sein definiertes Finanzierungsziel erreicht hat. Derzeit liegt diese Quote bei zirka 49 Prozent. Die Besonderheit und ein großer Anreiz am Crowdfunding- Prinzip sind die „Dankeschöns“. Am besten funktionieren hier stark involvierende Dankeschöns, wie VIP-Tickets, Original-Dokumente, signierte DVDs oder Statisten-Rollen. Das Web 2.0, das sogenannte Mitmach-Internet, hat die Nutzer dazu bewegt, Teil von etwas sein zu wollen. Beim Crowdfunding trägt der Unterstützer stolz ein Projekt vor sich her, was durch seine Unterstützung zum Leben erweckt wurde. Beweisen kann er es durch sein Profil als Unterstützer und nicht zuletzt mittels des Dankeschöns, was er ganz exklusiv erhalten hat. Das bedeutet aber zugleich Arbeit für den Projektinitiator. Er wird zum Online-Händler, muss den Versand der Dankeschöns abwickeln, Steuergesetze beachten und mit vielen Nutzern kommunizieren.

Weichen stellen für die Verknüpfung von öffentlicher Förderung und Crowdfunding

Mit der co:funding Konferenz hat Startnext dem Thema im April 2011 erstmalig eine größere Plattform gewidmet. Mit großem Interesse wurde dort die Verknüpfung von Crowdfunding und öffentlicher Kulturförderung diskutiert. Im Raum stehen hier Konzepte, die beides vereinen und dadurch für mehr Transparenz bei der öffentlichen Förderung sorgen, demokratische Elemente des Crowdfunding hinzubringen und gleichzeitig Förderbudgets erhöhen. Einer öffentlichen Förderung wird im Sinne eines Projektes mit dem Bedarf von 20.000 Euro dann zugestimmt, wenn 10.000 Euro mit der Crowd beschafft werden konnten. Durch das 1:1 Prinzip können so statt 20.000 Euro genau 40.000 Euro für Kultur akquiriert werden. Während die Förderinstitutionen weiterhin für Qualitätsanspruch stehen, liefert die Crowd die gesellschaftliche Relevanz. Damit dies jedoch funktioniert, müssen Politik und Kultur jetzt die Weichen stellen. Nach ersten erfolgreichen Experimenten sollten Förderrichtlinien im Sinne solcher Mechanismen überarbeitet und angepasst werden.

 

Der Verfasser ist Gründer von Startnext.de
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REDAKTION Andrea Wenger | Hinterlasse einen Kommentar

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