Schön, dass Sie da sind • Von Kristin Bäßler

Szene aus dem Film Almanya

Über den eine Millionsten sogenannten „Gastarbeiter“ wissen wir, dass er Armando Rodrigues de Sá hieß. Er stammte aus Portugal. Am 10.06.1964 erhielt er als Gastgeschenk von der Bundesrepublik Deutschland ein Moped. Und der eine Million und erste? Von ihm wissen wir nichts. Wir wissen nicht, wie er heißt, woher er kam, ob er Familie hatte oder keine. Grund genug für die Filmemacherinnen Nesrin und Yasemin Samdereli, sich in dem Film „Almanya. Willkommen in Deutschland“ seiner fiktiven Geschichte zu widmen und zu erzählen, wie die damaligen türkischen „Gastarbeiter“ nach 50 Jahren Teil der deutschen Gesellschaft geworden sind: ein bisschen türkisch, ein bisschen deutsch und ganz viel einfach sie selber.

Als Hüseyin Yilmaz am 10.06.1964 den Bahnhof Köln-Deutz erreicht, will es nur der Zufall, dass nicht er, sondern Rodrigues das Moped geschenkt bekommt. Hüseyins Frau Fatma sowie die drei Kinder Veli, Muhamed und Leyla sind in dem kleinen anatolischen Dorf am Meer geblieben. Einige Jahre später folgen sie ihm nach Deutschland, wo das vierte Kind Ali geboren wird. Heute lebt die ganze Familie Yilmaz gemeinsam in einem Mehrfamilienhaus in einer Wohnsiedlung irgendwo in Deutschland.

Hüseyin und Fatma sind Rentner. Nach 50 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland möchte Fatma, die anfänglich nicht nach Deutschland gehen wollte, nun ordnungshalber die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Ihr ältester Sohn Veli ist durch und durch Geschäftsmann und kämpft gerade mit seiner Frau, die sich von ihm trennen möchte. Sein Bruder Muhamed ist geschieden und hat kürzlich seinen Job verloren. Seine Schwester Leyla ist mit Mitte vierzig bereits Witwe und alleinerziehende Mutter von Canan. Laylas Traum war es seit ihrer Kindheit, Müllfrau zu werden. Was in der Türkei im Jahr 2011 möglich ist, wurde ihr in Deutschland verwehrt. Ihre Tochter Canan ist Studentin und verliebt in einen Iren. Sie erwartet mit 22 Jahren ihr erstes Kind. Canans jüngster Onkel Ali ist mit Gabi verheiratet. Ihr gemeinsamer Sohn ist sechs Jahre alt. Er heißt Cenk. Seine Lehrerin bezeichnet ihn als Türken, seine türkischen Mitschüler als Deutschen. Seitdem fragt er sich: „Wer oder was bin ich eigentlich – Deutscher oder Türke?“

Der Film „Almanya. Willkommen in Deutschland“ spielt mit dem Brechen und Überhöhen von Klischees. Nichts ist so türkisch wie es aussieht – und nichts ist so deutsch wie es scheint: Kurz vor seiner Einbürgerung erscheint Hüseyin Yilmaz im Traum eine Vision. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Fatma sitzt er in einem deutschen Beamtenzimmer. Als Willkommensgeschenk wird Schweinshaxe und Rotkohl gereicht, als deutsche Eigenschaften werden ihnen die Mitgliedschaft in einem Schützenverein, der sonntägliche Tatort und Urlaub auf Mallorca ans Herz gelegt. Das also ist typisch deutsch?

Was in dem Film zunächst recht klischeehaft daher kommt, ist mehr als comedytaugliche Überzeichnung deutsch-türkischer Lebenswirklichkeiten, sondern der Versuch, die bisher fast unbeleuchtete Geschichte der türkischen Einwanderer zu erzählen. Deutschland ist nicht mehr das Schweinshaxen-Land der Wirtschaftswunderjahre; und die nach Deutschland eingewanderten Türken sind nicht die anatolischen Bauern, die nur vorübergehend in  Deutschland leben. In dem Film „Almanya“ geht es vielmehr darum, aus Sicht dreier Generationen zu zeigen, was es bedeutet, sowohl in Deutschland als auch in der Türkei heimisch zu sein, sowohl als Türke in Deutschland als auch als Deutscher in der Türkei.

Rund 60 Jahre nach der Unterzeichnung der ersten Anwerbeverträge zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Ausland haben die insgesamt 3 Millionen Zuwanderer, die bis zum Anwerbestopp 1973 nach Deutschland kamen und blieben, in Deutschland eine Heimat gefunden und das Land maßgeblich verändert. Vielleicht wird irgendwann aus Fiktion Realität, wenn ein sechsjähriger Cenk anstelle seines Großvaters Hüseyin vor der  Bundeskanzlerin eine flammende Integrationsrede halten wird. Das Thema: „Multi-Kulti ist nicht tot“. Nesrin und Yasemin Samdereli: „Almanya. Willkommen in Deutschland“, ab 10.03.2011 im Kino.

…und jetzt auch auf DVD.

Zum Trailer geht´s hier.

REDAKTION Stefanie Ernst | Hinterlasse einen Kommentar

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