Nachgefragt: Interview der Woche mit der “Illustratoren Organisation e.V.”

Informationsmaterialien der Illustratoren Organisation können über die Geschäftsstelle des Verbands angefordert werden.

Im Jahr 2002 wurde die Illustratoren Organisation (IO) in Hamburg gegründet. Ziel der IO ist es, die künstlerischen, politischen und wirtschaftlichen Interessen von Illustratoren aus den Bereichen Verlag, Werbung, Film und Kunst in Deutschland zu vertreten. Mitte 2010 konnte die IO bereits mit 1015 Mitgliedern aufwarten. Was genau die Aufgabe des Berufsverbands für Illustratoren aus den Bereichen Verlag, Werbung, Film und Kunst, erläutert Jens R. Nielsen, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Illustratoren Organisation.

Stefanie Ernst: Wie und wann wurde die Illustratoren Organisation e.V. (kurz: IO) gegründet und welche Ziele verfolgt diese? Bitte beschreiben Sie dabei auch die Struktur der Organisation.
Jens R. Nielsen: Die IO wird im Jahr 2012 ihr zehnjähriges Jubiläum feiern. Anlass ihrer Gründung war der in der Neufassung des § 36 UrhG durch den Gesetzgeber ergangene Auftrag an die Urheber, sich mit Werknutzern über allgemeine Vergütungsregeln zu verständigen – ein Auftrag, der explizit an Urhebervereinigungen gerichtet war.

Sieben Hamburger Kollegen stellten damals fest, dass die spezifischen Belange und Bedürfnisse in jenen Berufsverbänden, auf die sich Illustratorinnen und Illustratoren bis dahin verteilten, nicht oder nur unzureichend beachtet wurden: Bei ver.di bildeten Illustratoren als Urheber unter Dienstleistern die Minderheit einer Minderheit, während der Berufsalltag der Klientel von AGD und BDG dort im Detail nicht selten zu politischen Schussfolgerungen führte, die signifikant an den Interessen der Illustratoren vorbei zielten.

Dabei sind „die Illustratoren“ selbst keine vollkommen homogene Gruppe. Kolleginnen und Kollegen, die traditionell das Aushängeschild der Berufsgruppe bedienen, den Kinder- und Jugendbuchbereich, sehen sich anderen Problemen und Herausforderungen gegenüber als Illustratoren in den Sparten Editorial, Verpackungsillustration, Comic, Game und Fantasy, Werbung, Storyboard oder Trickfilm – um nur einige zu nennen.

Erstes Ziel der IO war es demnach, die das ganze 20ste Jahrhundert hindurch von einer Vielzahl von nicht wirklich auf ihre Interessenlage zugeschnittenen Berufsverbänden stets als „fünftes Rad am Wagen“ mitgeführten, sich entsprechend isoliert fühlenden und als Einzelkämpfer begreifenden Kolleginnen und Kollegen an einen Tisch zu bekommen und für eine zusätzliche „neue“ Handlungsoption zu erwärmen, die für nicht wenige im direkten Gegensatz zu ihrer bisherigen beruflichen Biografie zu stehen schien.

Die Vielfalt der Sparten und die Singularität der sich selbst als „Illustrator“ bezeichnenden Urheber erfordert nicht nur verbandsinterne Selbstbildung und das mühsame Erlernen von Arbeit in solidarischen und kollektiven Strukturen, sondern auch Aufklärung nach außen: Was „Illustration“ ist, wie und unter welchen Bedingungen Illustrationen erzeugt und verwendet werden, welchen materiellen und ideellen Wert sie haben, wie viel sie zur kollektiven Wertschöpfung im Rahmen der sogenannten Kreativwirtschaft beitragen können und wer welchen Anteil an ihrer Verwertung hält, all das ist unklar. Ja sogar dass „Illustrator“ ein Beruf sein soll, führt häufig zu staunendem Kopfschütteln. In dieser Hinsicht sind Autoren, Bildende Künstler, Musiker … eigentlich fast alle anderen Urhebergruppen den Illustratoren deutlich voraus.

Angesichts der geschilderten Herausforderungen ist die Struktur der IO noch immer nicht vollständig entwickelt – was in Anbetracht der Kürze ihrer Existenz allerdings nicht beunruhigend ist. Satzungsgemäße Organe der IO sind die Mitgliederversammlung und der siebenköpfige, über die gesamte Bundesrepublik verteilte, geschäftsführende Vorstand, der sich mit einem Jahr für Jahr anwachsenden Kreis von Experten umgibt und, über die Ein- und Aufstellung des Verbandspersonals, Ausrichtung und Wachstum der IO steuert.

An der Spitze der Verbandsstruktur steht der hauptberufliche Geschäftsführer, welcher die derzeit in Frankfurt a.M. lozierte Geschäftsstelle aufbaut, das Rückgrat der IO. Die inhaltliche und programmatische Arbeit wird zu einem großen Teil von Mitgliedern bewerkstelligt, die in Regionalgruppen oder thematischen Arbeitsgruppen organisiert sind. Mit über 100 aktiven Verbandsmitgliedern bei einer Gesamtzahl von knapp 1200 stimmberechtigten Mitgliedern [Stand: September 2011] gehört die IO nach Aussage externer Evaluationsbeauftragter zu den eher gut aufgestellten Verbänden.

Der IO-Justiziar berät die Mitglieder in allen Rechts- und Vertragsfragen. Sollte es zum Prozess kommen, steht den Mitgliedern die IO-Berufsrechtsschutzversicherung zur Seite. Informations- und Fortbildungsveranstaltungen, auch in Kooperation mit Hochschulen, die zukünftige Kolleginnen und Kollegen ausbilden, runden das Beratungsangebot der IO ab. Größtes Desiderat der Verbandsstruktur ist die Öffentlichkeitsarbeit, die dem rasanten Wachstum des Verbands in den letzten Jahren ein wenig hinterher hinkt. Der Vorstand will hier schnellstmöglich Abhilfe schaffen und arbeitet an nachhaltigen Konzepten.

In ihrer Wichtigkeit für die Struktur der IO kaum zu überschätzen ist die Verbands-Homepage [zu finden unter www.illustratoren-organisation.de], die nicht nur einen Eindruck von der Vielfalt dessen liefert, was Illustratorinnen und Illustratoren anzubieten haben. Sie bietet ferner eine Fülle an Informationen und Tipps für Kolleginnen und Kollegen wie für Verwerter und die interessierte Öffentlichkeit, und stellt vor allem ein – größtenteils nur Mitgliedern zugängliches – Forum bereit, das, was die Themenpalette und die Kompetenz seiner Beiträger angeht, seinesgleichen sucht. Nichts veranschaulicht besser als dieses Forum, wie weit die Berufsgruppe der ehemals versprengten Einzelkämpfer in den letzten zehn Jahren vorangekommen ist …

Ernst: Es gibt die IO bereits seit zehn Jahren. Was waren die wesentlichen Themen, Schwerpunkte und Diskussionen im vergangenen Jahrzehnt?
Nielsen: Angesichts der Gründungsgeschichte der IO verwundert es nicht, dass sich die wichtigsten Themen der Verbandsarbeit um Fragen des Urheberrechts drehen, um angemessene Vergütung und um die Stellung des Illustrators am Markt und in der Gesellschaft.

In den meisten Sparten sehen sich die Kolleginnen und Kollegen mit aggressiven Marktstrategien konfrontiert, die, analog zu Vorgängen, wie sie in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft zu beobachten sind, den Urheber aus dem Verwertungsprozess herausdrängen sollen. Hier wird nicht auf das altbekannte, nichtsdestoweniger unschöne Phänomen angespielt, dass immer mehr und anspruchsvollere Leistung für immer geringere Vergütung gefordert wird – damit werden gut geschulte Kolleginnen und Kollegen auf Dauer immer besser fertig. Gemeint ist vielmehr, den kaum zu fassenden, durch digitale Medien und stetig neue Kommunikationswerkzeuge ausgelösten Wandel von Vertriebs- und Vermarktungsstrukturen zu nutzen, um urheberrechtlich geschützte Leistungen zu „Content“ zu degradieren, der, für Verwerter, unter die sich immer obskurere Varianten mischen, am besten „kostenneutral“ global verfügbar sein soll.

Bestrebungen, wie die Schaffung eines im UrhG verankerten „Leistungsschutzrechts“ für Verwerter oder die Einrichtung von Verwerter-eigenen Verwertungsgesellschaften, denen, laut entsprechenden Formulierungen in Illustratoren vorgelegten Vertragsentwürfen, auf ewig plus 70 Jahre sämtliche Nutzungsrechte eingeräumt werden sollen, zielen darauf ab, Verlage, Agenturen und Investoren als „Urheber“ anstelle der Urheber zu etablieren. Darüber, dass und wie international konkurrenzfähiger „Content“ ohne Kreative zustande kommen soll, scheint sich niemand mehr Gedanken zu machen; was zählt, ist offenbar allein die Möglichkeit, bestehenden „Content“ umfassend vermarkten und auswerten zu können – alter Wein in immer neueren Schläuchen. Es sind hier durchaus Denk- und Verhaltensmuster erkennbar, wie sie vor der Finanzkrise von Investmentbankern und Risiko-Spekulanten vorgelebt wurden. Als hätten es deren Strategien inzwischen bis in die Chefetagen der Kreativwirtschaft geschafft, wird dort nun mit urheberrechtlich geschützten Leistungen gehandelt wie mit Gold oder Stahl – was für die Urheber bedeutet, sie finden sich in der Rolle von Minenarbeitern oder Gießern wieder, die dort, wo durch globale Kontrolle und künstliche Verknappung Profitmaximierung angestrebt wird, nur stören. Nur dass Urheber eben schwerer loszuwerden sind als Industriearbeiter, da man sie nicht einfach entlassen, Kreativität nicht einfach verbieten kann …

Für die Umwandlung von Urhebern in „Content“-Lieferanten gibt es, anders als die Piraten-Partei und Teile der Grünen behaupten, keinen branchenimmanenten Grund – und also auch keine Notwendigkeit für steuernde, parteipolitische Einmischung. Selbst wer, Wählerstimmen fest im Blick, privaten Nutzern umfassenden und ungehinderten Zugang zu urheberrechtlich geschützten Leistungen ermöglichen will, braucht dabei nicht die Urheber um ihre Existenzgrundlage zu bringen, indem er, womöglich unreflektiert, Strategien globaler Verwerter das Wort redet, in denen sie als um ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen kämpfende Individuen immer seltener vorkommen. Sollte der Urheber als Faktor im kreativen Prozess „abgeschafft“ werden, wäre auch eine Kulturflatrate nichts als der zum Scheitern verurteilte Versuch, einen Enthaupteten mit einem Heftpflaster zu retten.

Die Gefahr, als Urheber zwischen Begehrlichkeiten von Verwertern und Nutzern zerrieben zu werden, ist sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal von Illustratoren. Die IO befürchtet allerdings, dass bestimmte Strategien und Maßnahmen zur „Umgestaltung“ der Kreativwirtschaft an prekären, noch nicht lange oder unvollständig organisierten Berufsgruppen „erprobt“ werden. So lässt sich beobachten, dass Kolleginnen und Kollegen, die nicht nur als Illustratoren tätig sind, sondern auch – für dieselben Verwerter – als Autoren, unterschiedliche Vertragsentwürfe vorgelegt bekommen: Während dem Autor eine angemessene Vergütung der von ihm eingeräumten Nutzungsrechte [noch] zugestanden wird, soll der Illustrator einen TotalBuyOut nach amerikanischem Muster unterschreiben. Rein sachlich lässt sich eine solche Ungleichbehandlung nicht begründen. Hier sollen offenbar – frei nach Niemöller – zuerst die Schwächsten „geholt“ werden, bis am Ende niemand mehr protestieren kann, wenn auch die Stärksten in „Content“-Lieferanten verwandelt werden.

Ernst: Wie definiert sich das Urheberrecht aus Ihrer Sicht heute? Bitte erläutern Sie dazu auch den Satz aus dem IO-Spot von August: „Die zunehmende Digitalisierung scheint weitere Reformen des Urheberrechts notwendig zu machen.“
Nielsen: Dass Sie gerade diesen Satz zitieren, lässt mich aus zwei Gründen schmunzeln. Zum einen ist der Artikel, aus dem Sie zitieren, nie gedruckt worden. Der IO-Spot ist eine Kolumne im Branchenfachblatt „eselsohr“ – und dessen Redaktion hat seinen Abdruck mit der Begründung abgelehnt, er sei einseitig und polemisch. Zur Erläuterung: In dem Artikel wurde die These vertreten, die Androhung eines Ausschlusses zukünftiger Zusammenarbeit für den Fall, dass ein Illustrator einen für ihn ungünstigen Vertragsentwurf nicht unterschreibe, sei ein Verstoß gegen die grundgesetzlich geschützte Vertragsfreiheit und könne daher zur Anzeige gebracht werden. Die „eselsohr“-Redaktion hatte sich auf den Standpunkt gestellt, derlei Androhungen seien – obwohl der IO nicht wenige entsprechende Aussagen ihrer Mitglieder vorliegen – Hirngespinste des Autors.

Zum anderen schmunzle ich, weil der zitierte Satz aus dem Kontext gerissen das Gegenteil dessen nahe legt, was die IO zum Urheberrecht tatsächlich vertritt: Der Berufsverband der Illustratoren ist nämlich in der Frage einer Urheberrechtsreform dem konservativen Lager zuzurechnen, er hält das UrhG auch in Zeiten zunehmender Digitalisierung für eine solide Grundlage existenzsichernder kreativer Arbeit. Insofern scheint der fortschreitende Einsatz digitaler Technologie in Vertrieb und Vermarktung Reformen notwendig zu machen – aber von diesem Schein sollte sich niemand blenden lassen.

Die IO sieht Handlungsbedarf bei Problemen, die durch nationale Unterschiede entstehen. So versuchen insbesondere Kolleginnen und Kollegen aus dem angelsächsischen Raum, sich mithilfe von Konzepten wie Creative Commons in den Besitz einer Rechtsposition zu bringen, die Urhebern in Deutschland durch das UrhG bereits zugestanden wird, nämlich als Urheber entscheiden zu können, wer ein Werk unter welchen Bedingungen nutzen darf und wer nicht. Selbstverständlich wäre es eine rechtspolitische Großtat, statt zuzusehen, wie Verwerter hierzulande eine Anpassung des UrhG an das amerikanische Copyright betreiben, umgekehrt zu versuchen, den im hiesigen Recht festgeschriebenen besonderen Schutz des Urhebers zur globalen Rechtsnorm zu erheben.

Ferner würde es die IO begrüßen, wenn gewisse im UrhG garantierte Rechte der Urheber durch flankierende Maßnahmen gestärkt würden. So ist für den einzelnen Illustrator im Internet oft nicht ersichtlich, wo die Grenze zwischen erlaubter privater und illegaler kommerzieller Nutzung seines Werks überschritten wurde – und wie er die schließlich festgestellte unerlaubte Nutzung ahnden soll. Vermisst wird ein realistisches Äquivalent eines „Ich möchte eine unerlaubte Nutzung melden“-Buttons mit einer zugehörigen Strafverfolgungsbehörde im Rücken. Es fehlt an Strukturen und Institutionen, welche den Urheber bei der Durchsetzung seiner Rechte unterstützen, nicht an den Rechten selbst. Und dies gilt nicht nur im Internet: Schließlich weigern sich die Verwerterverbände bisher beharrlich, sich mit den Urheberverbänden an einen Tisch zu setzen, um die im eingangs erwähnten § 36 UrhG geforderten allgemeinen Vergütungsregeln zu erarbeiten. Auch hier wird ein Hebel benötigt, das Recht zur Anwendung zu bringen, nicht ein verändertes Recht.

Die IO sieht das UrhG derzeit unter Dauerfeuer – aus mehreren Richtungen. User setzen „Urheber“ über die Brücke GEMA mit Großkonzernen wie Universal, Sony Music, EMI oder Warner gleich, deren Untergang sie keine Träne nachweinen würden. Dass es sich bei den Genannten um Verwerter handelt, nicht um Urheber, überfordert den Laien, der fürchtet, man wolle ihm das Recht auf freien Zugang zu Musik, Texten und Bildern nehmen – selbst zu solchen Werken, für deren Konsum er längst [und womöglich mehrfach] bezahlt hat.

Gleichzeitig arbeitet eine Gruppe aufstrebender Jungunternehmer in im weitesten Sinne kreativen Branchen daran, sich am Markt zu etablieren. Diese Gruppe verfolgt das naheliegende Interesse, sich möglichst kostengünstig in den Besitz von Ressourcen zu bringen – also wird gesampelt, collagiert und geroadkillt was das Zeug hält. Je nach Marktposition behaupten Lobbyisten dieser Gruppe entweder, sie seien selbst Kreative, weil sie z.B. die Methoden von Rappern oder Pop-Art-Avantgardisten kopierten; oder sie leugnen die kommerzielle Natur ihrer Nutzung in der Hoffnung, dass den geschädigten Urhebern der Nachweis des Gegenteils nicht gelingt; vielleicht geben sie aber auch den Kulturanarchisten, der urheberrechtlich geschützte Leistungen in eine Reihe stellt mit Luft, Liebe und dem Tod – wobei letztgenannte nicht [oder nur in Ausnahmefällen] von Menschen gemacht werden, die von der Nutzung ihrer Arbeit leben müssen.

Während die User also ihr „Recht“ auf ungehinderten Zugang zu Werken zum Zwecke privater Nutzung verteidigen oder ausweiten wollen, werden sie von den Sampler-Lobbyisten vor einen kommerziellen Karren gespannt und mithilfe von Peitschen angetrieben, die von Großverwertern in Serie produziert werden, welche den Urheber als Störung auf dem Weg zu unbegrenzter Vermarktung von „Content“ auf dem globalen Markt ansehen. Das einzige Bollwerk gegen diese unheilige Allianz ist ein starkes UrhG.

Ernst: Für Mitglieder der Organisation bieten Sie bestimmte Serviceleistungen an: Wie genau sehen diese aus und welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um Mitglied zu werden?
Nielsen: Ich zitiere aus der Satzung: „Ordentliches Mitglied der IO kann werden, wer den überwiegenden Teil seines aus Erwerbstätigkeit resultierenden Einkommens durch Illustratorentätigkeit erzielt.“ Das heißt: Taxi fahrende Illustratoren können Mitglied werden, illustrierende Taxifahrer nicht. Und in der Tat müssen viele Kolleginnen und Kollegen nicht nur im metaphorischen Sinne Taxi fahren, um selbst bei vollen Auftragsbüchern finanziell über die Runden zu kommen.

Wie andere Urheber auch, müssen Zeichner permanent ihrer Profession nachgehen. Illustratoren dürfen zwar taub und gehbehindert sein, sie müssen aber unbedingt ein Gefühl für Linien und Farben entwickeln und halten, was stetes Training erfordert, kontinuierliches Einüben. Es besteht also ein hoher Druck, jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen, illustrativ tätig zu sein – und dieses Bedürfnis wird von geschäftstüchtigen Verwertern ausgenutzt, von denen nicht wenige allen Ernstes annehmen, sie täten dem Illustrator einen Gefallen, wenn sie ihm mit einem Auftrag Gelegenheit zum zeichnerischen „Auslauf“ geben – einen Gefallen, der selbstverständlich ein „Entgegenkommen“ beim Aushandeln der Vergütungssumme nach sich ziehen soll.

Anfangs, in der Gründungsphase der IO, haben wir uns in Diskussionsrunden gefragt, wie wir unangemessenen Vergütungsangeboten argumentativ begegnen könnten – wir gingen damals von einer „Basar-Mentalität“ aus, davon, dass die uns entgegengebrachte Geringschätzung unserer Profession einem taktischen Kalkül entspringt. Inzwischen mehren sich die Indizien, dass wir es mit umfassender Gedankenlosigkeit, mit selig machender geistiger Armut zu tun haben: Nicht wenige unserer Verwerter sind offenbar der festen Überzeugung, dass selbst noch die Mitglieder der Berliner Philharmoniker eigentlich Beamte, Supermarktkassierer oder eben Taxifahrer sind, die abends im Konzertsaal vor Publikum ihren Hobbys frönen. Dass Musiker mit dem Ansinnen, doch einfach mal aus Spaß an der Freude zu arbeiten, vermutlich nicht so oft konfrontiert werden wie Illustratoren, dürfte zum einen daran liegen, dass ein potenzieller Verwerter weniger häufig z.B. ein Streichquartett zum Aufpeppen seines Produkts oder zur Optimierung eines Produktionsprozesses einsetzt – dies wären zwei klassische Einsatzgebiete von Illustration –, zum anderen daran, dass die Beherrschung eines Musikinstruments bereits im Kindergarten als zu erlernende Kulturtechnik gilt, während der Umgang mit Bleistift, Feder oder Cintiq etwas sein soll, das einerseits jeder kann, andererseits aber auf genialischer Eingebung beruhen soll, die weder erlern- noch vermittelbar ist.

So gern die IO sich auf juristische und quasi tarifpartnerschaftliche Themen konzentrieren würde – die Aufklärung und Schulung nicht nur unserer Verwerter, sondern vor allem auch die Selbstbildung von Kolleginnen und Kollegen nimmt im Alltagsgeschäft breitesten Raum ein.

Zu den Serviceleistungen des Verbands gehört demnach die Bereitstellung von Informationen und Verhaltensstrategien mithilfe von Vorträgen, Seminaren, Broschüren und individueller Beratung am Telefon der Geschäftsstelle oder im Forum.

Viele Kolleginnen und Kollegen betrachten auch das über die Website erreichbare IO-Portfolio als Serviceleistung – im Sinne der Bereitstellung einer Präsentationsplattform zur Kundengewinnung. Tatsächlich aber dient das Portfolio dazu, potenziellen Verwertern und interessierten Laien einen Eindruck davon zu vermitteln, dass Illustrationen nicht vom Himmel fallen, dass teilweise immenses Wissen und großer finanzieller und technischer Aufwand in einer einzigen Zeichnung steckt, und dass eben nicht jeder alles kann.

Abgesehen von Fortbildungs- und Schulungsmaßnahmen zählen für die Mitglieder sicherlich die oben angesprochene umfassende Rechtshilfe sowie der Zugang zu einem ausgedehnten, tragfähigen Netzwerk, zu dem auf bundesweiter wie auf regionaler Ebene Verbindungen geknüpft werden können, zu den interessantesten Angeboten der IO.

Nicht nur für die Mitglieder wichtig, sondern auch für das Abstreifen des „Brotlose Kunst“-Images der Illustration sowie für die juristische Praxis von Bedeutung sind die Vergütungsbeispiele, welche exemplarisch das Verhältnis von Aufwand, Qualität und Berechnung unterschiedlichster Arbeitsproben demonstrieren. Die Vergütungsbeispiele dienen als Grundlage für ein im Aufbau befindliches IO-Honorarwerk, aber sie helfen auch heute bereits Kolleginnen und Kollegen, sich am Markt zurechtzufinden und den Wert der eigenen Arbeit besser einschätzen zu können.

Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass Studierende, die i.d.R. selbstverständlich noch nicht erwerbstätig im Sinne der Satzung sind, unter Vorlage einer gültigen Studienbescheinigung eine Junior-Mitgliedschaft beantragen können.

Ernst: Mit welchen kulturpolitischen Themen beschäftigt sich die Illustratoren Organisation e.V. vor allem?
Nielsen: Diese Frage dürfte durch das bisher Ausgeführte bereits teilweise beantwortet worden sein. Die IO begreift „Illustration“ als wesentliche Form zwischenmenschlicher Kommunikation. Insofern strebt der Verband nicht nur die Gleichstellung der Zeichnung mit Schrift, Tönen und Schauspiel an, sondern interessiert sich auch für eine kritische Reflektion ihrer Rolle und Funktion in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

In Anbetracht der Tatsache, dass die japanische Manga-Industrie [unter Einbeziehung der Manga adaptierenden Anime] in ihren besten Zeiten einen Handelsüberschuss von 50 Mrd. Euro jährlich erwirtschaftet hat, muss die Frage erlaubt sein, warum in Deutschland die Arbeit von Illustratoren wie beschrieben abgewertet wird und die zeichnerisch tätigen Urheber als Berufsstand um ihre Existenzgrundlagen gebracht werden sollen. Zur Erinnerung: Manga- oder Comiczeichner sind Illustratoren!

Um hier gegensteuern zu können, kommt die IO nicht umhin, sich mit Themen zu beschäftigen, die an grundsätzliche gesellschafts- und kulturpolitische Fragen rühren. Zum Beispiel die, warum die Fähigkeit, sich in Bildern auszudrücken, an Schulen und Hochschulen nicht systematisch gefördert und trainiert wird. Oder die, was die einheimischen Verwerter internationalen Strukturen, wie sie in Google, Baidu, App Store oder YouTube verkörpert sind, entgegenzusetzen gedenken, die in den nächsten Jahren die Art, Bilder zu sehen und zu nutzen, weiter vorantreiben werden.

Der oben beklagte Versuch, Illustratoren als Urheber von Bildwerken zum Verschwinden zu bringen, schwächt auf lange Sicht das, was Kultur- und Wirtschaftspolitiker gern den „Kulturstandort Deutschland“ nennen. Denn seit auch die Kulturmärkte globalisiert sind, stehen nicht mehr nur noch einzelne Illustratorinnen und Illustratoren in Konkurrenz zu Mitbewerbern aus den USA, aus China, Indien oder dem europäischen Ausland – es müssen sich auch nationale oder regionale kulturelle Eigenheiten gegen konkurrierende Formen, Inhalte und Vermarktungsstrategien durchsetzen. Und hier geht es nicht um kulturelle Hegemonien, hier geht es um die Frage, wohin am Ende die Gelder fließen, die Urhebern ein Überleben und ein Auskommen sichern sowie die Ausbildung kommender Generationen ermöglichen sollen. Hollywood, das Silicon Valley oder die Sonderwirtschaftszonen in der VR China und zuletzt die Arabischen Emirate generieren nicht nur Steuereinnahmen in erklecklicher Höhe, sondern auch Stipendien, modernste Studioeinrichtungen, Absatzmöglichkeiten und Zukunftsperspektiven für Kreative, an die hierzulande nicht zu denken ist.

Zumindest diejenigen Verwerter, mit denen Illustratoren zwischen Rhein und Oder überwiegend zu tun haben, stehen derzeit denkbar schlecht gewappnet in einem globalen Verdrängungswettbewerb. Sie rennen dem schnellen Geld hinterher, während sie eigentlich längst die Zukunft gestalten müssten.

Wie sich hektisches, turbo-betriebswirtschaftliches Denken zumindest in den Sparten der Kreativwirtschaft langsam wieder zugunsten nachhaltiger Planungen zurückdrängen lässt, bei denen nicht nur das Produkt und erst recht nicht dessen Wertsteigerung im Mittelpunkt stehen, sondern Produzenten und Kunden, also Menschen, dürfte die eine kulturpolitische Frage sein, welche die IO mehr als alles andere beschäftigt. Sollte es nicht gelingen, hier gemeinsam mit Anderen zu Antworten zu kommen, steht zu befürchten, dass immer mehr professionelle Kolleginnen und Kollegen ins Ausland abwandern, während „Illustration made in Germany“ nur noch ein Hobby bezeichnet.

Für die in der IO versammelten Urheber wird es von großem Interesse sein, die Strategien derjenigen im Kulturrat organisierten Verbände kennen zu lernen, die sich mit einer ähnlichen Konfliktlage konfrontiert sehen. Da Nutzungsrechte sich i.d.R. erst langfristig auszahlen, dürften die auf schnellen Gewinn ausgerichteten Strategien von Spekulanten und an „Mitnahmeeffekten“ interessierten Investoren auch in anderen Kultursparten als unpassend angesehen werden, das Überleben von Kreativen und den Fortbestand von Kreativität zu sichern. Wir hoffen auf Synergieeffekte …

Jens R. Nielsen ist Zeichner und Publizist, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender IO sowie Ausschussmitglied im Fachausschuss Urheberrecht des Deutschen Kulturrates
Stefanie Ernst ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Kulturrat

REDAKTION Stefanie Ernst | 6 Kommentare
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