DichterWald – Literarische Streifzüge • Von Georg Ruppelt

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Der Wald wurde unlängst zum bedeutenden Kulturerbe erklärt. Wälder bilden unverzichtbare Ressourcen für die Menschen und ihre Kultur. Nachstehend stellt Georg Ruppelt bekannte oder weniger bekannte literarische Streifzüge des “DichterWaldes” vor:

„(Fast) kein Märchen ohne Wald. Die beliebtesten: Schneewittchen, Rotkäppchen, Hänsel und Gretel“ – so kann man es in der ansprechend gestalteten Broschüre des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz „Entdecken Sie unser Waldkulturerbe!“ zum Internationalen Jahr der Wälder lesen. Und in der Tat, das Ministerium hat Recht: In einer Fülle von Märchen der Sammlungen der Brüder Grimm ist der Wald schlechthin, also nicht der Nadel- oder Laubwald, ausschließlicher oder zeitweiliger Ort der Handlung.

Der Wald bildet im deutschen Volksmärchen eine eigene Welt, die der realen Welt der Menschen gegenüber steht. Er ist eine Zauber- und Wunderwelt, vor allem aber ist er eine fremde Welt, ähnlich der Welt unter dem Wasserspiegel und der Welt im Innern der Erde – ebenfalls Orte des Märchens. Doch der Wald, zu dem die Menschen leichteren Zutritt haben als zu den anderen fremden Gebieten, ist die Heimat der meisten deutschen Volksmärchen.

Wolfgang Baumgart vergleicht in seiner Monographie „Der Wald in der deutschen Dichtung“ diese herausragende Stellung des Waldes im deutschen Märchen mit den Mythen und Märchen der Indianer Südamerikas, denen der Wald Lebensraum ist und nicht als fremde Welt gegenübersteht, ohne dabei in irgendeiner Weise zu werten.

Baumgarts im Wesentlichen nüchterne Untersuchung erschien 1935. Das ist insofern bemerkenswert, als im Nazireich die schwülstige Rede oder das bedeutungsvolle, gern wagnermäßig alliterierende Geraune vom deutschen Wald, dem Lebensraum der Germanen, aus denen die Deutschen nahtlos hervorgegangen seien, in grotesker Weise allgegenwärtig war, sei es in Politik, Wissenschaft oder Literatur – dies übrigens weniger beim „Führer“ und ehemaligen Bohemien Adolf Hitler. Die „Deutschgläubigen“ sangen „Nicht gilt uns Bethlehem und Rom, / Der deutsche Wald ist unser Dom!“

Der Mythos vom deutschen Wald hat seine Ursprünge in der um 100 n. Chr. entstandenen „Germania“ des Tacitus, die von Jacob Grimm und den Romantikern als Quelle historischer Tatsachen rezipiert wurde. Der Untergang des Varus und seiner römischen Legionen wo auch immer, aber jedenfalls in einem Wald im Jahre 9 n. Chr., war die Grundlage des Hermann-Kultes, der sich vornehmlich gegen Frankreich richtete, wie auch der vom Wald umgebene gigantomanische Denkmalshermann bei Detmold sein Schwert nicht gen Süden, sondern gen Westen richtet.

Das Geschehen um die „Hermannsschlacht“ hat eine Fülle literarischer Produkte hervorgebracht, wenn auch nicht immer von der Qualität wie die Dramen Klopstocks oder Kleists, freilich auch diese mit gefletschten Zähnen geschrieben. In Heines „Deutschland, ein Wintermärchen“ liest sich die Niederlage des Varus im (angeblich) Teutoburger Wald so:

„Hier schlug ihn der Cheruskerfürst,
Der Hermann, der edle Recke;
Die deutsche Nationalität,
Die siegte in diesem Drecke.“

„Der deutsche Wald“, schreibt Viktoria Urmersbach in ihrer kleinen Kulturgeschichte des Waldes, „hat einen zweifelhaften Ruf – ein bisschen wie der deutsche Schäferhund: Belastet durch den Nationalsozialismus, kann er kaum unbefangen genossen werden“ (Im Wald, da sind die Räuber. Berlin: Vergangenheitsverlag, 2009).

Ob dieser schlechte Ruf des deutschen Waldes – einmal abgesehen von bedrohlichen Zeckenplagen – heute noch für wenigstens einige Promille der Gesellschaft tatsächlich zutrifft, sei dahingestellt. Und auch das in der einschlägigen Literatur gern zitierte Wald-Heer-Gleichnis Elias Canettis werden in unseren Tagen nur noch wenige nachvollziehen können:

„Das Massensymbol der Deutschen war das Heer. Aber das Heer war mehr als das Heer: Es war der marschierende Wald. In keinem modernen Lande der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude. […]

Man soll die Wirkung dieser frühen Waldromantik auf den Deutschen nicht unterschätzen. In hundert Liedern und Gedichten nahm er sie auf, und der Wald, der in ihnen vorkam, hieß oft ‚deutsch’.“ (Masse und Macht. Hamburg: Claassen, 1960)

Die ideologischen Verirrungen und die aus ihnen resultierenden ungeheuren deutschen Verbrechen sollten, so ist wenigstens zu wünschen, nicht der deutschsprachigen Dichtung angelastet werden, in der der Wald eine besondere Rolle spielt. Man denke an Schillers „Räuber“, an von Webers „Freischütz“, an Annette von Droste-Hülshoff, Tieck, Keller, Stifter …

Der Wald ist gegenwärtig in einigen wunderschönen Gedichten und Liedern deutscher Sprache, und zwar durchaus in seiner janusköpfigen Erscheinung – als Ort der Sehnsucht und romantischen Verklärung wie als Ort der Fremde, der Gefahr und des Schreckens, wie etwa in Friedrich Hebbels „Dicker Wald“:

„Seid ihr’s wieder, finstre Wälder,
Voll von Mord und Tod und Gift,
Wo man keine Grenzen-Wächter,
Doch zuweilen Räuber trifft?

Belladonna bietet gastlich
Ihre Kirschen, roth und rund,
Und der Schlange grünes Auge
Blinzt mich an vom schwarzen Grund.

Eine Natter als Geschmeide
Um den Hals, in dumpfem Sinn,
Kauert dort ein gelbes Mädchen,
Sie ist Schlangen-Königin.

Hei, wie fühlt man hier sein Leben,
Und wie hängt man sich daran,
Wo aus nächstem Busch des Räubers
Erster Schuß es nehmen kann! […]“

In keinem Beitrag, der sich mit dem literarischen Thema „Wald“ beschäftigt, darf Joseph von Eichendorff fehlen. Man muss ihn lesen, hören oder am besten singen, seinen „Abschied“:

„O Thäler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächt’ger Aufenthalt!

Da draußen, stets betrogen,
Saust die geschäft’ge Welt,
Schlag’ noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt!

Wenn es beginnt zu tagen,
Die Erde dampft und blinkt,
Die Vögel lustig schlagen,
Daß dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn, verwehen
Das trübe Erdenleid,
Da sollst du auferstehen,
In junger Herrlichkeit!

Da steht im Wald geschrieben,
Ein stilles, ernstes Wort
Von rechtem Thun und Lieben,
Und was des Menschen Hort.

Ich habe treu gelesen
Die Worte, schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Ward’s unaussprechlich klar.

Bald werd’ ich dich verlassen
Fremd in der Fremde geh’n,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel seh’n;

Und mitten in dem Leben
Wird deines Ernst’s Gewalt
Mich Einsamen erheben,
So wird mein Herz nicht alt.“

Danach kann eigentlich nichts mehr kommen, außer wohl Goethes „Über allen Gipfeln ist Ruh“. Doch wir wollen undeutsch schließen, unromantisch und ungereimt, aber dafür grün oder besser gesagt blau und dem Genusse zugeneigt; wir schließen nämlich mit Henry David Thoreaus „Walden oder Leben in den Wäldern“ (übers. Von Emma Emmerich und Tatjana Fischer, Zürich: Diogenes, 1971):

„Wenn ich manchmal der menschlichen Gesellschaft und ihres Gespräches überdrüssig war und meine Freunde alle abgenutzt hatte, dann zog ich noch weiter westwärts, als ich wohnte, zu noch weniger besuchten Stellen des Stadtgebietes, ‚nach neuen Wäldern und frischen Weiden’, oder verspeiste bei Sonnenuntergang auf dem Fair-Haven-Hügel mein Abendessen aus Heidelbeeren und Blaubeeren und legte mir zugleich einen Vorrat für mehrere Tage zurück. Die Beeren schenken ihr Aroma weder dem, der sie kauft, noch dem, der sie für den Markt sammelt.“

Der Verfasser ist Direktor der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover

REDAKTION Stefanie Ernst | Hinterlasse einen Kommentar

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