Nachgefragt: Kurzinterview der Woche

 

Diese Woche: „IMC World Forum on Music

Stefanie Ernst: Das IMC (International Music Council) World Forum on Music: Was genau können wir uns darunter vorstellen?
Simone Dudt:
An drei Tagen bietet das Forum Konferenz mit Expertenvorträgen und Diskussionsrunden, Projektbörse und Ideenmarkt, es finden Konzerte statt (z.B. Vox Clamantis) und es beinhaltet die Verleihung der „IMC Musical Rights Awards“, ein Preis der an Projekte verliehen wird, die in besonderem Maße eines der fünf musikalischen Grundrechte verwirklichen (s.u.). Den Kern des Forums bildet der Austausch mit Musikschaffenden aus aller Welt. Erwartet werden KomponistInnen, InterpretInnen, MusikpädagogInnen, MusikmanagerInnen, MusikpolitikerInnen und VertreterInnen der Musikindustrie aus Nord-, Mittel- und Südamerika, Asien und Ozeanien, Afrika, der Arabischen Welt sowie Europa. Die Teilnehmenden vertreten internationale und nationale Musikorganisationen, die das Erlebte weitertragen und so die Ergebnisse des Forums in ihren Netzwerken multiplizieren, aber auch MusikliebhaberInnen, die sich für internationalen Austausch interessieren. Ich freue mich besonders, dass wir mit dem Musiker und Komponisten Youssou N’Dour (Senegal) und dem NAMM-Präsidenten Joe Lamond (USA) zwei herausragende Keynote-Redner für das Forum gewinnen konnten.

Ernst: Das Ende September stattfindende 4. World Forum on Music steht unter dem Motto „Musik und sozialer Wandel“. Was verbirgt sich hinter dem Schwerpunkt?
Dudt:
Viele Gesellschaften weltweit sind im Wandel begriffen, so haben sich die europäischen Gesellschaften in interkulturelle Räume entwickelt, in denen diverse (Musik-)Kulturen existieren und aufeinander treffen. Aber auch demografische Veränderungen, Digitalisierung und Globalisierung wirken auf die gesellschaftlichen Strukturen.

Viele Musikprojekte reflektieren eine oder mehrere dieser gesellschaftlichen Veränderungen. Welche Projekte sind das? Was können solche Projekte bewirken? Haben sie wirklich die Kraft zur Veränderung?

Diese Fragen und die Wechselwirkung von Musik und sozialem Wandel werden im Rahmen des Forums auf vielfältige Weise beleuchtet, u.a. gibt es Sessions zu Fair Culture, Qualität und Evaluation, Musik in der Entwicklungszusammenarbeit, musikalische Bildung, Märkte, etc.

Ernst: Der Internationale Musikrat (IMC) ist zusammen mit dem Europäischen Musikrat (EMC) Ausrichter des Forums. Welche Kernaufgaben hat ein auf internationaler Ebene tätige Musikrat?
Dudt:
Der EMC ist eine gemeinnützige Organisation, die sich für die Entwicklung und Förderung aller Arten von Musik in Europa einsetzt. Er ist ein Netzwerk für nationale Musikräte und europäische Musikorganisationen aus den Bereichen musikalische Bildung, Komposition, Produktion und musikalisches Erbe. Der EMC wurde 1972 als europäische Regionalgruppe des IMC gegründet und ist seit März 2003 als unabhängiger Verein in Deutschland eingetragen.

Der EMC hat drei Kernaufgaben:

1.     Interessensvertretung für Musik auf europäischer Ebene und Unterstützung nationaler Aktionen
2.     Netzwerkarbeit und Informationsaustausch
3.     Kooperationsprojekte

Als Regionalgruppe des IMC trägt der EMC zu einem besseren gegenseitigen Verständnis zwischen Menschen und ihren unterschiedlichen Kulturen bei und fördert das Recht auf eine Koexistenz aller Musikkulturen. Andere Regionalgruppen des IMC, die auch beim Forum anwesend sein werden, sind der Musikrat der Amerikas (COMTA), der Afrikanische Musikrat, der Musikrat der Arabischen Welt sowie der Musikrat für Asien und Ozeanien.

Ernst: Sie treten, ganz im Sinne der UNESCO-Konvention, für den Schutz der musikalischen Vielfalt ein. Wie genau sind entsprechende Schutzbestrebungen ausgestaltet?
Dudt:
Die UNESCO-Konvention zum Schutz der kulturellen Vielfalt aus dem Jahr 2005 ist eines der zentralen Dokumente für die kulturpolitische Arbeit des EMC.

Die Konvention kann als „Magna Charta“ der internationalen Kulturpolitik verstanden werden, da sie das Menschenrecht auf kulturelle Selbstbestimmung im Völkerrecht verankert. Kernstück ist die Anerkennung des Rechts auf eine eigenständige Kulturpolitik aller Staaten. Die UNESCO-Konvention ermöglicht den Staaten regulatorische und finanzielle Maßnahmen, um nationale kulturelle Waren und Märkte, aber auch Dienstleistungen im Kulturbereich zu sichern. Kunst und Kultur sind nicht nur Handelswaren, sondern auch Träger von Identität, Werten und Bedeutungen; sie haben einen Doppelcharakter und sollten nicht ausschließlich wie industriell gefertigte Güter behandelt werden.

In diesem Sinne tritt der EMC für die vom Internationalen Musikrat formulierten fünf musikalischen Grundrechte ein:

  • Das Recht aller Menschen auf freien musikalischen Ausdruck
  • Das Recht aller Menschen, musikalische Fähigkeiten zu erwerben
  • Das Recht aller Menschen auf Zugang zu musikalischer Beteiligung durch aktive und passive Teilnahme, Kreation und Information
  • Das Recht für Musikschaffende, mit angemessener Ausstattung ihre Kunst auszuüben und durch alle Medien zu kommunizieren
  • Das Recht für Musikschaffende, eine faire Anerkennung und Vergütung für ihre Arbeit zu erhalten

Ernst: Welche Möglichkeiten hat der IMC/EMC, diesjährig in Zusammenarbeit mit dem Estnischen Musikrat, die Vielfalt der musikalischen Ausdrucksformen zu fördern?
Dudt:
Im Rahmen des World Forums on Music treffen drei Faktoren aufeinander, die die Vielfalt der musikalischen Ausdrucksformen fördern. Das Forum ist eingebettet in das Gesamtprogramm von Tallinn als Europäischer Kulturhauptstadt, das musikalische Rahmenprogramm des Forums bietet einen Querschnitt durch die musikalische Vielfalt Estland und die Teilnehmenden des Forums präsentieren die verschiedensten Musikformen aus aller Welt.

So steht z.B. ein Teil des Programms der Kulturhauptstadt unter dem Motto: „Stories of singing together“, das u.a. beschreibt, wie die estnische Tradition des Singens zur „Singenden Revolution“ 1988 beigetragen hat – ganz im Sinne des Forum-Themas „Musik und sozialer Wandel“. Die Konzerte im Rahmen des Forums reichen von Chormusik über Jazz bis hin zu einem Showcase im Rahmen des feierlichen Abschlusses des Forums, bei dem junge estnische MusikerInnen ein breites Spektrum ihrer Musik zeigen werden. Nicht zuletzt sorgen die internationalen ExpertInnen und TeilnehmerInnen (mittlerweile haben sich über 200 angemeldet) für einen regen Austausch zur musikalischen Vielfalt. In vielfältigen Präsentationen werden die verschiedensten musikalischen Ausdrucksformen vorgestellt und es wird gezeigt werden, wie diese zu „Musik und sozialem Wandel“ beitragen und wie sich dadurch (kultur-)politische Veränderungen anregen lassen, sodass der Schutz und der Erhalt der musikalischen Vielfalt gefördert wird.

Simone Dudt ist Generalsekretärin des Europäischen Musikrates
Stefanie Ernst ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Kulturrat

REDAKTION Stefanie Ernst | Hinterlasse einen Kommentar

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