Nachgefragt: Kurzinterview der Woche “Intergalaktischer Kulturverein e. V.”

 

Ceyhan Genç und Lioba Reckfort vom Intergalaktischen Kulturverein_


Tatjana Gridnev: Wie und wann wurde der Intergalaktische Kulturverein e. V. gegründet und welche Bedeutung hat der Name?
Ceyhan Genç: Der Intergalaktische Kulturverein e.V. wurde am 8. Mai 2011 gegründet. Er setzt sich aus Akteuren zusammen, die seit vier Jahren immer wieder unterschiedliche Kulturprojekte meist mit Schwerpunkt Theater im Wedding im Rahmen der „Sozialen Stadt” umgesetzt haben. Nun stand das Engagement vor dem Aus, da die Gelder der „Sozialen Stadt” drastisch eingekürzt wurden.

Der Intergalaktische Kulturverein e.V. möchte nun veranstaltungsorientierte Kulturprojekte realisieren, die intergalaktisch im Sinne von INTERnational, INTERkulturell, INTERsozial, die also grenzüberschreitend sind, um zu einer gegenseitigen Akzeptanz des Anderen (wie auch auf diese Weise des Eigenen ;-) ) beizutragen. Gridnev: Welches Anliegen, welche Ziele wurden mit der Gründung verfolgt?
Genç: Als Verein fühlen wir uns zu Gemeinnützigkeit verpflichtet, geht es uns doch vor allem um die Förderung von Kunst und Kultur. Bei der Umsetzung dieses Anliegens werden sowohl Experten als auch Laien, Insider und Außenseiter, „Bildungsnahe“ und „Bildungsferne“, Weltenbürger und Weltenbummler als Akteure eingebunden. Indem sie zur Mitwirkung auf allen Ebenen motiviert werden, wird ein Beitrag zur künstlerischen und somit auch zur persönlichen Weiterbildung aller Beteiligten geleistet.

Mit der Förderung von Kunst und Kultur wird demzufolge auf einer tiefer gehenden Ebene zugleich das differenzierte Denken gefördert. Unsere Umwelt ist im Laufe der letzten Jahrzehnte gesellschaftlich komplexer, bunter, aber auch, teils durch Medien und Politik, undurchschaubarer geworden. Indem eine heterogene Zusammensetzung der Beteiligten angestrebt wird, werden alle Teilnehmer in einem laufenden Denkprozess eingeflochten, in der sprachliche, kulturelle und soziale Barrieren überschritten und gesellschaftlich relevante Diskurse vorangetrieben werden, die wiederum allen in diesen Prozess beteiligten Akteuren, das heißt neben den am Intergalaktischen Kulturverein e. V. Engagierten auch dem Zuschauer zugutekommen sollen.

Gridnev: Welche längerfristigen Projekte werden erarbeitet?
Genç: Die besten Ideen möchten wir an dieser Stelle noch nicht verraten, nur, dass diese, um es bescheiden zu formulieren, im wahrsten Sinne einfach nur intergalaktisch sind und interkontinentale Ausmaße annehmen werden. Dank unseres ausgesprochen weitreichenden Netzwerks ist der Intergalaktische Kulturverein e.V. für unsere Vorhaben wie geschaffen.

Festzuhalten wäre, dass jedes unternommene Projekt aus Seminaren, Probenarbeit, Kursen, Schulungen und Workshops bestehen kann und auf eine private oder öffentliche Aufführung, in Institutionen, auf öffentlichen Plätzen, in Geschäften oder Privatwohnungen sowie in audio-visuellen Medien, hingearbeitet wird.

Gridnev: Wie könnte man die Menschen beschreiben, die im Intergalaktischen Kulturverein e. V. tätig sind? Gibt es eine besondere Altersstruktur oder Menschen mit einem Migrationshintergrund?
Genç: Ich denke, ich spreche hier für alle Menschen, die sich im Intergalaktischen Kulturverein e. V. engagieren, wenn ich behaupte, dass jeder Einzelne von uns ein Unikat ist. Um häufig formelhaft und inhaltsleer wirkende Phrasen zu vermeiden, bei dem jeder Mensch etwas ganz besonderes sei, können wir durch unsere intensive Zusammenarbeit miteinander aus allererster Hand feststellen, dass wir uns nicht scheuen müssen, von Unikaten zu sprechen. Jeder Mensch, der mit uns zu tun hat, belegt durch seine Person und seinem Beitrag, was sie oder ihn ausmacht. Ob die Herkunft aus anderen Ländern, das Aufwachsen in „üblichen” oder auch unüblichen Familienstrukturen, der unterschiedliche kulturelle Hintergrund: Wer es mit uns zu tun bekommt und unsere Arbeit zu schätzen lernt, beweist Offenheit für Bekanntes und Unbekanntes, für Altes und Neues.

Die Altersstruktur der Mitglieder, die sich im Verein engagieren bzw. auf der Bühne mitspielen, geht von 10 bis 65, wir würden aber auch 2 Monate alte und 101 Jahre junge Akteure mit einbeziehen. Es gibt für jeden etwas zu tun, keiner bleibt auf der Strecke.

Wir haben Menschen, deren Eltern ursprünglich aus dem ehemaligen Preußen, Sachsen, aus Baden-Württemberg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, aber auch aus Kamerun, Mexiko, Nigeria, Russland, Spanien, Togo und der Türkei stammen.

Gridnev: Inwiefern beschäftigt sich der Intergalaktische Kulturverein e.V. mit der aktuellen Kulturpolitik?
Genç: Die Metaebene unseres Anliegens und unserer Tätigkeit speist sich aus folgender Überlegung: Die Begegnung jedes Wesens mit einem anderen Wesen bringt stets eine wichtige Erkenntnis hervor: wie viel Gemeinsames uns verbindet und wie viel Weniges uns trennt. Während wir üblicherweise zwei Augen, zwei Arme und Beine, einen Kopf und ein Gehirn besitzen, so könnten wir den kulturellen Hintergrund vielleicht als ein trennendes Element bezeichnen. Doch selbst in solchen auf den ersten Blick „trennenden Eigenschaften” lassen sich Verwandtschaften finden und führen stets auf die gleiche Formel zurück: Es ist besser für die Zukunft unserer Menschheit, dass wir uns einander besser kennenlernen, wenn wir tatsächlich ernsthaft auf diesem Planeten überleben wollen – und auf diese Weise lassen sich dann auch intergalaktische Fähigkeiten entwickeln, um Außerirdischen gelassen gegenübertreten zu können mit einem freundlichen „Hallo! Merhaba! Was geht!“.

Hierbei soll niemand zu etwas gezwungen werden, es wird niemand an den Pranger gestellt, weshalb er oder sie etwas so tut und nicht anders.

In Bezug auf die Kulturpolitik lässt sich daher die Arbeit des Intergalaktischen Kulturvereins e. V. so zusammenfassen, dass wir, da wir alle Denkmuster unterschiedlicher kultureller Gewohnheiten zusammenbringen und wirken lassen, vielleicht einen der wichtigsten Beiträge für 1. unsere nähere Umgebung, dem Weddinger Kiez, 2. die wunderschöne Stadt Berlin, 3. die Bundesrepublik Deutschland, 4. die Europäische Union, 5. alle bewohnten Kontinente weltweit, 6. unser Sonnensystem und 7. die intergalaktische Kommunikation leisten. Es ist der Boden der Tatsachen und die praktischen Handlungen, auf dem wir operieren und nicht hinter schönem, theoretischem Gerede zurückbleiben. Das hat Zukunft, wie wir meinen.

Ceyhan Genç ist Mediensprecher der Intergalaktische Kulturverein e. V.
Tatjana Gridnev ist Praktikantin beim Deutschen Kulturrat e.V.

REDAKTION Stefanie Ernst | Hinterlasse einen Kommentar

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