Die Kunst schlägt zurück! – Wie kulturpolitische Initiativen auf die Barrikaden gehen

Foto: Thomas Lillevang

Nach Hamburg nun auch Berlin: 228 Berliner Künstler und Kulturschaffende haben sich in einem offenen Brief unter dem Motto „Haben und Brauchen“ an den Kultursenator und Regierenden Oberbürgermeister Klaus Wowereit gewandt, um gegen kurzweilig aufgepeppte Kunstevents, gegen prekäre Arbeitsbedingungen für Künstler und für eine strukturfördernde Kulturpolitik zu demonstrieren.

Hintergrund der Forderungen ist die von Wowereit ins Leben gerufene „Leistungsschau junger Kunst aus Berlin“, die von vielen als Wahlkampfschachzug bewertet wird. Nachdem Wowereit das Konzept einer temporären Kunsthalle im Humboldthafen für zeitgenössische Berliner Kunst vorgestellt hatte, rief er in Berlin lebende Künstler auf, ihre Portfolios einzusenden, die wiederum von einem bestellten Kuratorium gesichtet werden. Die ausgewählten Künstler sollen dann im Sommer 2011 in einem mobilen Raumkonzept am Humboldthafen ausgestellt werden. Zum Ziel dieser Leistungsschau erklärte Wowereit in einer Pressemiteilung: „Mit dieser Bestandsaufnahme wollen wir die Debatte um eine ständige Berliner Kunsthalle beleben und so qualifizieren, dass Senat und Abgeordnetenhaus mit dem nächsten Haushalt eine Entscheidung fällen können. Ziel ist es, die Produktion insbesondere junger Berliner Künstler zu sichten und mit Blick darauf, die Möglichkeiten und Anforderungen an eine räumliche Präsentation auszuloten.“

Nachhaltige Kulturförderung

Viele Künstler haben den „Wettbewerb“ um die Leistungsschau boykottiert und begründen dies folgendermaßen: „Es konnte bisher nicht überzeugend dargelegt werden, wie die „Leistungsschau“ das Konzept einer Kunsthalle erproben will, deren mittelfristige Finanzierbarkeit fragwürdig ist. Vielmehr ignoriert das Vorhaben die seit Jahren geführte Debatte über Sinn und Notwendigkeit einer ständigen Berliner Kunsthalle.“ In drei Punkten fordern sie daher:

  1. „die grundlegende Revision des konzeptionellen und kuratorischen Modells des geplanten Ausstellungsvorhabens;
  2. eine öffentliche Diskussion über die stadtentwicklungspolitischen Effekte eines temporären Ausstellungsprojektes am Standort Humboldthafen vor dem Hintergrund der aktuellen Transformationsprozesse durch Privatisierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes;
  3. einen öffentlichen Dialog darüber, wie die Produktions- und Präsentationsbedingungen von zeitgenössischer Kunst in Berlin außerhalb medienwirksamer Leuchtturm-Projekte nachhaltig gefördert und weiterentwickelt werden können.“ (vgl. www.salonpopulaire.de)

Die Berliner Künstler und Kulturschaffende, darunter Künstler wie Ólafur Ólafsson oder die Grünen Politikerinnen Alice Ströver, MdA und Agnes Krumwiede, MdB, verwehren sich gegen eine „von Effizienz und Leistungsfähigkeit“ geprägte Kunst, die „eine Objektivier- und Messbarkeit der Qualität künstlerischer Produktion“ suggeriere. Zudem kritisieren sie die Undurchsichtigkeit bei der Auswahl der Kuratoren, der Auswahl der architektonischen Bespielung des Humboldthafens sowie die Nachnutzung des Geländes.

Text: Kristin Bäßler

REDAKTION Stefanie Ernst | 1 Kommentar
  1. Oft blicken wir neidisch und staunend aus der Provinz in die Motropolen: So viele Möglichkeiten so viel Unterstützung. Doch offensichtlich brodelt es überall hinter den Kulissen. Die Kunst ist schon lange nicht mehr “frei” oder war es vielleicht nie.
    Der kritische, freche, subversive und kreative Kommentar der Künstlerinnen und Künstler wird willfährig kuratiert und gemaßregelt. Das Mega-Event steht im Vordergrund, die Künstler und Künstlerinnen prostituieren sich als Dekorateure und spielen Äffchen. So ist das im Großen wie im Kleinen.
    Dennoch machen wir weiter, denn nichts können wir so gut, wie die Lanze für die Kunst zu brechen: Macht Kunst! Kunst Macht, am 21. Mai dabei.

Kommentar hinterlassen